Dienstag, 23. September 2014

Das Geschäft mit dem guten Gewissen

Es ist schwierig ein Land im Vorbeifahren oder während einer geführten Tour kennenzulernen. Daher wollten wir wie in Indien eine Zeit für ein soziales Projekt arbeiten. In Arusha, Tanzania, hatte Kirsten Barbara eine Hostel empfohlen die Freiwillige und Projekte zusammenbringt.

Schon bevor es los ging, auf dem Weg vom Flughafen zur Hostel, fielen uns die vielen Schilder für Waisenhäuser, Schulen und andere von Ausländern gesponserten sozialen Einrichtungen auf. Auch die meisten Autos dort waren, wenn es keine Safarijeeps waren, von  Hilfsorganisationen. Die T-Shirts, die von vielen Männern getragen wurden, waren offensichtlich aus der Altkleidersammlung: Aus Deutschland sahen wir zum Beispiel T-Shirts mit Aufdrucken wie "Volksbank Kurpfalz" oder "Deutschland bewegt sich". Aus den USA waren unsere Highlights ein T-Shirt von einem High-School-Cheerleaderteam und von einem Familientreffen von 2012. Auf den ersten Blick erschien uns das etwas sehr viel, man hört und liest ja dass zu viel Hilfe oft irgendwann nur noch Korruption und Nehmermentalität fördert. Ein Eindruck, der sich bald verfestigen sollte.

Unser ungutes Gefühl wurde noch verstärkt als wir uns am Wochenende mit anderen Gästen in der Hostel unterhielten, die teilweise auch als Freiwillige gearbeitet hatten. Wir hörten von einer Schule, in der der Unterricht  ausschließlich von ausländischen Freiwilligen, meist ohne entsprechende Ausbildung und nur für relativ kurze Zeit vor Ort, bestritten wurde. Auch bat oder besser gesagt drängte der Schuldirektor die Freiwilligen am Ende ihres Aufenthalts, etwas zu kaufen oder zu spenden. Die Sachspenden verschwanden danach jedoch regelmäßig und die Vermutung lag nahe wo man sie finden könnte. Auch die Erfahrungen von anderen gingen in die Richtung. Viele Organisationen schienen wenig durchdachte Konzepte zu haben, stattdessen aber genaue Vorstellungen, wieviel materiellen Beitrag Freiwillige liefern sollten.

Wir nahmen uns also vor, uns die Hilfsorganisationen genau anzuschauen, und falls nichts sinnvolles dabei wäre, nicht zu volunteeren. Unser Touristenvisum haben wir daher am Ankunftstag auch noch nicht in ein Volunteer-Visum umgewandelt.

Als erstes gingen wir zum Pippi-Haus (ich glaube Pippi heißt hier etwas anderes als bei uns...). Es ist ein Haus, in dem Mädchen und junge Frauen wohnen, die vorher obdachlos waren. Viele haben Erfahrungen mit Vergewaltigung und Prostitution, einige leben mit ihren kleinen Kindern dort. Der Gründer, Aristide, wohnt auch im Haus und erklärte uns, dass er dieses Projekt gestartet hat, als er in einer anderen Hilfsorganisation arbeitete. Damals sei ihm aufgefallen, dass es meist nur Hilfe für Jungen aber nicht für Mädchen gab. Er gab seinen Job auf und nahm mehr und mehr Mädchen bei sich und seiner Frau zu Hause auf, bis aus der Idee selber eine richtige Hilfsorganisation geworden war. Wir waren überzeugt von der Integrität des Besitzers und bewunderten seine Hingabe. Die Frauen und Mädchen mit ihren schweren Schicksalen erfahren nun Sicherheit und Geborgenheit und erhalten dank der vom Pippi-Haus bezahlten Schule eine zweite Chance. Das Projekt gefiel uns sehr. Vielleicht waren wir etwas voreilig gewesen, als wir der Hilfsindustrie so skeptisch gegenüber gestanden hatten.

In den nächsten eineinhalb Tagen schwankten wir noch ein wenig, ob wir voluntieren wollten. Einerseits konnten wir uns durchaus vorstellen, im Pippi-Haus zu helfen, andererseits fragten wir uns, ob unsere Hilfe dort wirklich gebraucht wurde. Denn laut dem was wir von anderen hörten, ist die Freiwilligenarbeit hier für die meisten Organisationen eher so etwas wie PR. Die Mzungu (suaheli für Weiße) kommen, entwickeln eine Beziehung zu den Leuten und spenden deshalb dann umso lieber. Wenn also die Arbeit selber eher eine Selbstfindung für uns Europäer ist, dann ist es natürlich auch folgerichtig, dass wir dafür zahlen sollen. Viele Freiwillige hier werden über Organisationen verschickt, die mehrere tausend Euro für die Vermittlung verlangen und die Hilfsorganisationen hier vor Ort verlangen oft, dass man zum Antritt auch 100-500$ und einen Koffer voll Sachspenden mitbringt. Auch der Staat will etwas vom "Geschäft mit den Freiwilligen" oder vielleicht doch eher vom "Volunteering-Tourismus" abhaben: das Visum für Freiwillige kostet 200$.
Da uns unsere Zeit zu wertvoll ist, und wir auch nicht dafür zahlen wollten um zu arbeiten, sank unser Interesse. Was uns allerdings den Rest gab, waren die Ratten in unserem Hostel. Sie flitzten nach Einbruch der Dunkelheit zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, was und ziemlich anekelte.

Wir hatten unsere Entscheidung also bereits getroffen, wollten uns aber trotzdem noch die anderen Projekte anschauen, weil wir in jedem Land, das wir bereisen, später etwas spenden wollen. Also begleiteten wir am Montag morgen zwei Neuseeländerinnen, die unter Führung von einem Hostelangestellten ein paar Schulen anschauen wollten, um eventuell dort zu spenden. In der ersten Schule bekamen wir die Klassen gezeigt. Es war eine Vorschule in der die Kinder Englisch lernen sollten, damit sie in der auf Englisch unterrichteten weiterführenden Schule besser mitkämen- die Grundschule ist jedoch auf Suaheli. Irgendwie fanden wir das Konzept nur semi-überzeugend. Die Schulleiterin erklärte uns noch, wie sehr Hilfe gebraucht würde, da im Moment für vier Klassen nur eine Lehrerin da sei. Wir sahen allerdings drei Lehrerinnen, die auf dem Schulhof saßen und mit ihren Handys beschäftigt waren. Als wir die Klassen (alle im Vorschulalter) anschauten kamen sie dazu und zeigten, wie schön die Kinder Englisch gelernt hätten. Das Wissen war aber doch sehr begrenzt, vor allem weil die Lehrerinnen selber kaum Englisch konnten. Wir dachten bei uns etwas überheblich: Wieder einmal kein tragfähiges Konzept, aber die Mzungu können es ja richten.

Nach etwa 20 min verabschiedeten wir uns wieder und gingen. Wir kamen aber nicht weit, weil uns etwa 100m von der Schule entfernt ein Mann mit Anzug anhielt und sich als Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde auswies. Ohne weitere Erklärung wurden wir aufgefordert, wieder zur Schule zurück zu gehen, wo zwei weitere Beamte dazu trafen. Wir wurden im Büro der Direktorin versammelt, wo wir alle vier wie Verbrecher aufgestellt worden. Die Herren Immigrationsbeamten setzten sich dagegen auf drei der vier Stühle. Ich überlegte kurz, ob es die Dynamik der Situation sehr ändern würde, wenn er sich auch setzen würde, entschied mich dann aber doch gegen das Experiment.

Recht unwirsch wurden wir gefragt, was wir an der Schule machten. Wir erklärten, dass wir sie nur besucht hätten. Als nächstes fragten sie, welche Visa wir hätten. Die beiden Neuseeländerinnen sagten, dass sie ein Volunteer-Visum beantragen wollten. Als sie dann auch noch versicherten, dass sie dem Hostelbesitzer schon die 200$ gegeben hatten, damit er das mache, durften sie gehen. Wir waren nun alleine mit den Beamten.

Wir hielten uns an unsere Wahrheit, das wir Touristen seien und somit auch nur ein Touristenvisum hätten, und waren damit schnell als Hauptziel auserkoren. Uns war klar, dass es bei der ganzen Geschichte nur um Geld ging, und daher konnte ich mir das dann folgende Theater relativ gelassen anschauen - Barbara ging es genau so und wir sagten uns, dass wir uns möglichst viel merken wollten, um einen schönen Blogpost daraus zu machen, wenn wir schon zahlen müssten. Und wir bekamen wirklich etwas geboten. In den Hauptrollen gab es den Bad Cop (der,der uns eingesammelt hatte), den Good Cop und den erstmal noch wenig sagenden aber böse guckenden Boss.

Der Bad Cop eröffnete das Verhör und bellte uns an: "Was macht ihr hier?", "Sieht das wie ein Touristenort aus?", "Ist das Tourismus für euch?", "Wisst ihr nicht, dass ihr zum Arbeiten ein anderes Visum braucht?". Während er sich dann kurz aus Suaheli mit dem Boss besprach, erklärte der Good Cop uns, dass es ja nur um die Sicherheit des Landes ging. Wir sollten Verständnis haben. Ist klar, deswegen haben sie zum Beispiel eine andere Deutsche, die dort wirklich arbeitete nicht mal angesprochen. Er meinte auch, hätte er uns in der Serengeti oder am Kilimandjaro getroffen, wäre es ja kein Problem gewesen. Aber eine Schule, sei doch kein Ort für Touristen. 

Nach etwa 20 Minuten sprach dann der Boss. Dieser Ort sei ja nicht touristisch, und daher müsse er davon ausgehen, dass wir gearbeitet hätten. Wir versuchten es noch einmal mit Logik. Wer Montags morgens um halb 11 eine Schule verlässt nachdem er am Wochenende eingereist ist, der hat dort ja ganz offensichtlich nicht gearbeitet. Es half nichts. Wir würden jetzt zur Hostel fahren, damit er in unseren Pass gucken könne. Ein etwas mulmiges Gefühl hatten wir schon, als wir alleine, ohne die Neuseeländerinnen und den Hostelangestellten, 'abgeführt' wurden und los fuhren. Trotzdem hatte die Situation immer wieder auch etwas skuriles, fast lustiges. Und das lag an der Mischung aus übertriebenem Ernst der Beamten einerseits und jeglichem Fehlen von Professionalität andererseits. Das Auto mit dem fuhren zum Beispiel sah mit seinen plüschigen, zart rosa Sitzkissen auch eher wie das Auto eines Zuhälters aus als wie das eines Offiziellen.

Auf dem Weg zur Hostel wurde dann die Preisverhandlung eröffnet, indem auf einer schlechten Schotterstraße der Boss fragte, ob die Straßen in Deutschland auch so schlecht seien. Als ich sagte, ja manche schon, glaubten sie mir natürlich nicht und betonten noch ein paar mal, wie gut es Deutschland wirtschaftlich gehe. Die beste Antwort darauf lieferte Barbara: "Das liegt daran, dass bei uns die Beamten nicht korrupt sind." Als sie mir das auf deutsch sagte, war es nicht einfach ernst zu bleiben. Überhaupt - deutsch reden - sehr praktisch. Wir konnten im Auto alle Details unserer Version der Ereignisse abgleichen, absprechen, wie viel Bargeld wir noch wo hatten und so weiter. Wie unpraktisch wäre es gewesen, wenn wir englische Muttersprachler wären.

Den letzten Akt der Verhandlungen leiteten die Herren ein, indem sie sich unsere Pässe zeigen ließen. Natürlich war da nichts überraschendes drin zu sehen, wir hatten ja schon gesagt, dass wir ein Touristenvisum hatten. Viel wichtiger war aber, dass sie jetzt unsere Pässe hatten und erst heraus geben würden, wenn wir einen Deal gefunden hatten. Sie wiederholten auch nochmal ihre Preisvorstellung. Eigentlich 600$ pro Person Strafe aber weil sie so nett seien und Verständnis für uns hätten müssten wir nur 200$ pro Person zahlen.

Aber einen Pfeil hatten wir auch noch im Köcher. Während ich mir weiterhin die Argumentation anhörte, schaffte Barbara es, sich ein Handy mit Guthaben auszuleihen (gar nicht so einfach) und die deutsche Botschaft anzurufen. Nachdem sie den Sachverhalt erklärt hatte, sprach der Botschaftsmitarbeiter mit dem Bad Cop. Was genau geredet wurde konnten wir nicht verstehen, weil es auf Suaheli war, aber es gefiel dem Bad Cop nicht. Trotzdem war der Rat des Botschaftmitarbeiters an uns, zu zahlen, denn wir könnten unsere Unschuld auch nicht beweisen.

Danach ging es recht schnell. Die Konfrontation mit einer offiziellen Stelle gefiel den Beamten offensichtlich gar nicht. Sie waren sauer, fragten ob das wirklich nötig gewesen sei und wollten jetzt eher schnell weg. Sie fragten, wieviel Bargeld ich mit mir hätte. Nach Übergabe von 120$ bekamen wir unsere Pässe wieder, versprachen, die Stadt am nächsten Tag zu verlassen und die Herren fuhren.

Das Versprechen, die Stadt zu verlassen hat uns gar nicht weh getan. Neben unserem etwas enttäuschenden Bild von der Freiwilligenarbeit und dem größeren Rattenproblem in der Hostel, war mein Gepäck erst 2 Tage nach mir angekommen und zwischendurch hatte sich noch ein Insektenbiss an meinem Fuß so entzündet, dass der Fuß dick wie nach einem Bänderriss war, aber röter, und ich mir im angeblich besten Krankenhaus des Ortes Antibiotika holen musste. Wir reservierten also einen ganz besonderen Platz in unserer Erinnerung an die Weltreise für Arusha und zogen am nächsten Tag weiter.

Samstag, 20. September 2014

Südafrika: unser Fazit

Unser erster Eindruck von Südafrika war nicht so positiv. In den ersten Tagen sind uns die Trennung und gegenseitigen Vorbehalte zwischen den Hautfarben deutlich aufgefallen - vielleicht vor allem weil wir aus Brasilien kamen, wo der Umgang ganz anders ist.

Und drängte sich der Eindruck auf, dass die Weißen die Schwarzen noch immer in Kolonialmanier dominieren obwohl das Land eigentlich den Schwarzen gehört. Was wir nicht wussten ist, dass Südafrika viel komplizierter und vielschichtiger ist. Dass die weißen Südafrikaner Britischer, Holländischer und Deutscher Herkunft in vielen Gegenden bereits genauso lange wie die schwarzen Bantu-Südafrikaner wohnen. Oder dass es mit den "Coloured" noch eine weitere Gruppe gibt, die eben nicht nur die Mischung aus schwarz-weiß ist. Wenn man noch die große indisch-stämmige Minderheit und (je nach Schätzung) 2-7 Millionen illegale Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern dazu nimmt, dann ist klar, dass die südafrikanische Realität keinesfalls so schwarz/weiß ist wie wir anfangs dachten und wir in den vier Wochen nur ein paar kleine Ausschnitte erleben konnten. Es ist nicht klar ob es den Schwarzen ohne die Weißen besser oder schlechter ginge, da die Weißen das Land  entwickelt haben. Sie haben  Infrastruktur und Landwirtschaft aufgebaut, wovon die Schwarzen zumindest in den letzten beiden Jahrzehnten auch profitieren können. Was aber  wissenschaftlich bewiesen ist, ist das starke Ungleichheit unglücklich macht. Vermutlich ein Grund für die hohe Kriminalitätsrate.

Für uns ist das Leben der weißen Südafrikaner natürlich am einfachsten zugänglich, weil es unserer Kultur so ähnlich ist und es auch recht bequem ist. In Johannesburg und vor allem in Kapstadt fühlt man sich wie in Europa. Obwohl ich doch, mehr als unsere Freunde die hier wohnen, den Eindruck habe, dass einen die Bedrohung beraubt zu werden ziemlich einschränkt. Man kann durchaus Dinge unternehmen, aber man hat doch stets die Sicherheitslage im Hinterkopf. Zum Beispiel hätte ich mich gerne mit dem Tablet in einen Park gesetzt um diesen Blog zu schreiben, was ich aber aus Sicherheitsgründen nicht getan habe. Auch muss man wissen in welches Viertel man nach Anbruch der Dunkelheit noch gehen kann. Bei einer groß organisierten Radtour durch Johannesburg nach Einbruch der Dunkelheit, hatte Thorben in einer nicht besonders guten Gegend einen Platten. Von einem Herumstehenden wurden wir zunächst freundlich angesprochen und als Thorben das nicht direkt mitbekommen hat, wurde derjenige recht aggressiv. Alleine wäre ich dort nicht gerne rumgelaufen. Vor allem in Johannesburg, aber auch in Kapstadt bewegt man sich am besten mit dem Auto fort, da es sicher und bequem ist.

Im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern sind südafrikanische Städte aber teilweise ein Traum. Sie sind sauber, haben einen einigermaßen funktionierendes Verkehrssystem und zumindest ausserhalb der Townships gute Wohnmöglichkeiten. Kapstadt ist wirklich toll gelegen. Zwischen Bergen und Meer bietet es allen Outdoorliebhabern genügend Abwechslung: wandern, surfen, kayaking, ect. Die nahen Weingüter sorgen auch noch für Genuss. Und das beste ist natürlich das Wetter. Zu mindest als wir dort waren, strahlte die Sonne im Winter bei 26 Grad.

In Kapstadt haben wir dann auch zum ersten mal gespürt, dass das Land dabei ist, langsam zusammen zu wachsen. Es gibt eine schwarze Mittelschicht und gemischte Paare. Vielleicht ist dies sogar ein Erfolg der Regierung, die durch Quoten von schwarzen Mitarbeitern in der Managementebene für neue Vorbilder und Aufstiegsperspektiven sorgen möchte. Allerdings ist Kapstadt auch historisch gesehen der liberalste Teil Südafrikas gewesen. Dort wurde z.B. als erstes die Sklaverei abgeschafft und für gewisse Rechte der schwarzen Bevölkerung gesorgt.

Dank Bobby, unserem Couchsurf-Gastgeber, haben wir einen kleinen Einblick in den landwirtschaftlich geprägten Osten des Landes bekommen. Hier hatten wir den Eindruck, dass Schwarze und Weiße zwar miteinander bzw die ersteren für die letzteren arbeiten, sie jedoch noch sehr unterschiedlich und separat leben. Die Weißen besitzen oft die Farmen und die Schwarzen sind - wenn sie Arbeit haben - dort angestellt. Hier versucht die Regierung mit den Aufkäufen von Ländereien und der Überschreibung an Schwarze für Durchmischung zu sorgen. Laut Bobby mit nur mäßigem Erfolg, da die schwarzen Farmer aus mangelnder Erfahrung oft direkt wieder Pleite gingen.

Von den traditionellen Sitten der Schwarzen haben wir eine kleine Kostprobe im Xhosa-Dorf Bulungula und einem Siswati-Dorf das wir in Swasiland besucht haben, bekommen. In diesen Gegenden schien die Zeit noch still zu stehen und das Leben geht seit Jahrzehnten seinen gewohnten Gang. Von Modernität und Fortschritt konnten wir dort wenig spüren, dafür aber umso mehr von Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit. Insgesamt ist dieser Teil Südafrikas wesentlich schwerer zu erreichen und zu erfahren als der städtische Teil des Landes. Wären wir ohne Mietwagen und dafür mit den Minivan-Taxen unterwegs gewesen, hätten wir mit Sicherheit einen besseren Einblick in diesen Teil der südafrikanischen Gesellschaft bekommen - dafür aber vielleicht ein wenig "informelle Vermögensumverteilung" oder nennen wir es "Entwicklungshilfe" geleistet. Sprich, wahrscheinlich wären wir um unsere Rucksäcke erleichtert worden.

Wir haben in Südafrika aber auch mehr als in anderen Ländern einfach Urlaub gemacht und zum Beispiel einen großen Teil unserer Zeit  in Nationalparks verbracht. Da wir beide noch nie in Afrika waren, waren Zebra, Elefanten und Co für uns etwas ganz besonderes. Dazu kommen noch schön gelegene Lodges, guter Wein und leckere Steaks, so dass Südafrika absolut gute Erholungs-Qualitäten hat. Allerdings haben diese auch ihren Preis - dadurch, dass wir in den letzten vier Wochen mit Mietwagen unterwegs waren und uns auch sonst eher das Urlaubsprogramm als den Abenteuertrip gegönnt haben, hat Südafrika unsere Reisekasse bisher von allen Ländern am stärksten belastet.

Alles in allem war Südafrika ein idealer Einstieg für unsere weitere Reise in Afrika. Wir konnten soviel Neues erleben wie wir wollten und uns doch auch wieder in eine uns vertraute Welt zurückziehen, wenn uns danach war.

Freitag, 5. September 2014

Safari!

"Lass uns nicht so lange in Südafrika bleiben. Da kann man nur auf Safari gehen. Der Rest des Landes ist total europäisch und hat mit Afrika nix zu tun!" Wie man sich täuschen kann. Das Südafrika sehr wohl eine schwarze Seele hat, haben wir ja bereits beschrieben. Das man hier auf Safari gehen kann, stimmt allerdings. Was uns aber überraschte war, dass uns das Tiere Beobachten so einen Spaß machte. Wir waren insgesamt sieben Tage in vier verschiedenen Nationalparks mit wilden Tieren. Aber was genau finden Menschen toll daran Tiere zu beobachten?

1) Exotische Tiere, die man nur aus dem Fernseher oder dem Zoo kennt, in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen ist beeindruckend.

Unsere ersten afrikaninschen Tiere waren Antilopen, Zebras und Gnus im Golden Gate Park. Das fanden wir schon ziemlich beeindruckend, vor allem als wir auf einer Wanderung, fern ab von anderen Leuten, auf Gnus gestoßen sind. Zugegebenermaßen waren sie noch recht weit weg, ca. 500m, aber die Tiere können ganz schon schnell rennen und haben eine Statur wie ein sportlicher Bulle. Ich jedenfalls war froh, dass sie uns nicht bemerkten.

Danach ging es in den Addo Elephant Park, wo wir uns mit Co, Ira, Kimi und Verena trafen. Weil wir uns verpasst hatten fuhren Thorben und ich schon mal eine kleine Runde alleine durch den Park. Und sammelten jede Menge Endorphine. Erst schauten wir uns völlig verzückt die elegant tänzelnden und gleichzeitig plump wirkenden Warzenschweine an - die alle anderen links liegen ließen. Als wir dann nur ein wenig weiter fuhren blieb und fast das Herz stehen. Ein Elefantenbulle steckte seinen Kopf aus dem Gebüsch und betrat vorsichtig die Straße nachdem er gesehen hatte, dass wir anhielten. Was für ein riesiges Tier. Und was für eine intime Begegnung, denn außer uns war niemand auf der Straße. Wir fühlten uns als hätten wir im Lotto gewonnen.



Impalas sind hier so ziemlich das langweiligste Tier, das es gibt. Wir fanden sie trotzdem schön

Kurz danach folgte ein weiterer Elefantenbulle und dann eine Elefantenfamilie. Mit der waren wir zwar nicht alleine, aber sie gingen so nah an unserem Auto vorbei, dass wir nur die Arme aus dem Fenster hätten halten müssen um sie anzufassen. Danach bekamen wir den Tipp zu einem Wasserloch zu fahren. Dort gab es ca. 100 Elefanten, große und kleine, Männlein und Weiblein, junge und alte. Überall gab es etwas zu sehen: einige badeten, andere fraßen, andere schmusten und wieder andere kämpften. Und wir so nah daneben, dass wir es nicht nur sehen, sondern auch hören und riechen konnten. Was für ein Spektakel.



2) Man freut sich wie ein Honigkuchenpferd wenn einem ein Tier unverhofft über den Weg läuft nachdem man die Hoffnung auf eine Tiersichtung schon aufgegeben hatte.
Wenn man den ganzen Tag rumfährt und nichts beeindruckendes sieht - wie gesagt, Warzenschweine gelten in Südafrika als langweilig, genau wie die meisten Antilopenarten, Strauße und Zebras, weil es einfach zu viele von ihnen gibt - und wenn man dann ein seltenes Tier sieht, hat man das Gefühl ein Glückspilz zu sein. Das passierte uns am zweiten Tag: 6h fuhren wir im Schneckentempo umher und sahen nichts besonderes. Eine halbe Stunde bevor das Tor zum Nationalpark zumachte, wollten wir dann einfach nur schnurstraks zum Camp fahren. In der kurzen Zeit sahen wir dann nicht nur Elefanten und Zebras hautnah, sondern erst zwei Büffel und dann sogar ein seltenes Spitzmaulnashorn. Und zwar beide direkt auf der Straße. Wir strahlten vor Glück als wir an unserer Unterkunft ankamen.




Am übernächsten Tag fuhren wir eine letzte kleine Runde in den Park bevor wir weg mussten. Am letzten Wasserloch an dem wir anhielten stockte uns der Atem. Wie für uns drapiert, tronte ein Löwe auf einem kleinen Hügel und ruhte sich von seinem Frühstück aus, einer Antilope die er gerissen hatte und die noch vor ihm lag. Ein majestätischer Anblick und gleichzeitig eine Erinnerung daran, dass die Tiere hier wirklich wild sind und keine süßen Hauskatzen.




3) Das Adrenalin schiesst einen in die Adern wenn man ein Tier in Aktion erlebt

Die meisten Tiere, die man sieht, grasen entweder oder dösen in der Sonne. Wenn sich ein Tier aber mal regt, wird es umso spannender.

Einen ersten Eindruck davon bekamen wir auf einer Sonnenuntergangsfahrt mit Ranger. Nach Einbruch der Dunkelheit leuchteten wir mit grossen Scheinwerfern aus dem Auto um nachtaktive Tiere zu suchen. Zunächst sahen wir einige schlaftrunkende Antilopen. Noch als wir uns eine Herde Kudos anschauten, die uns der Ranger zeigte, rief dieser "Oh, shit" und stieg voll auf die Bremse. Er hätte fast einen riesigen Elefantenbullen angefahren, weil er zur Seite geguckt hatte. Der Bulle war "in Mast", was soviel wie "geil" heißt, und somit ziemlich aggressiv. Der Ranger setzte sofort 30m zurück und wir hielten die Luft an, als der Elefant auf uns zu kam und waren erleichtert, als er von der Straße runterging und im Gebüsch verschwand. Schon kurz danach sahen wir eine kleine Herde mit einem jungen Elefanten. Die Tiere sahen entspannt aus und wir schauten uns die Gruppe an. Als wir dann aber unsere Scheinwerfer auf das Elefantenkind richteten, wurde eine Elefantenkuh sichtlich aufgeregt. Sie flatterte mit den Ohren und kam auf uns zu gestürmt. Wir riefen dem Ranger nur zu: go, go, go! Und fuhren davon. Meine Halsschlagader pochte noch stark als wir im Camp ankamen.

Im Krügerpark hatten wir dann unsere aufregendste Begegnung mit Elefanten. Die Elefanten im Krügerpark sind etwas nervöser als in anderen Nationalparks, weil sie vor ein paar Jahren bejagt wurden, als es zu viele von ihnen gab. Und da Elefanten bekanntermassen ein gutes Gedächtnis haben, sind sie bis heute nicht so gut auf Menschen zu sprechen. Nur etwa eine Woche zuvor hatten zwei verschiedene Elefanten zwei Autos auf den Kopf gedreht und die Insassen dabei stark verletzt. Wir waren also noch etwas vorsichtiger beim Beobachten von Elefanten als wir es ohnehin schon waren, und hielten immer Abstand.

Manchmal kann man es aber nicht vermeiden nah an ihnen vorbei zu fahren, nämlich dann, wenn sie dicht an der Strasse stehen und man sie erst sieht nachdem man um die Kurve gefahren ist. So standen wir also nur wenige Meter von einer kleinen Elefantengruppe entfernt. Einer mittelgroßen Elefantenkuh gefiel das gar nicht und sie flatterte sie mit den Ohren und kam einige Schritte auf uns zu. Wir verstanden und fuhren ein paar Meter weiter. Um dann aber festzustellen, dass wir nur die halbe Gruppe gesehen hatten, der Rest stand nun vor uns auf der Strasse. Um die Tiere nicht zu nerven, hielten wir an und wollten zwischen den beiden Teilen der Gruppe warten bis sie die Strasse räumen würden. Ganz wohl war uns dabei aber nicht. Schließlich hatten wir nun hinter uns und vor uns Elefanten, und somit keinen Fluchtweg.






Zu unserem Unglück hörten wir ein Trompeten hinter uns. Kein gutes Zeichen. Als wir in die Richtung schauten aus dem das Geräusch kam, sahen wir ein kleines Elefantenjunge, was neugierig auf uns zu lief und sehen wollte, was dieses weiße eckige Ding, in dem wir saßen, war. Leider kam das Trompeten aber nicht von dem Kleinen sondern von seiner großen Schwester, die uns schon zuvor weggejagt hatte. Sie kam auf uns zu gerannt und war sichtlich aufgebracht. Wir mussten weg. Aber vor uns und hinter uns waren Elefanten. Das Adrenalin schoss in unsere Adern und unser Überlebensinstinkt war geweckt. Aus der Richtung aus der das Junge kam, sah ich eine kleine Stichstrasse vom Weg abgehen. Thorben setzte zurück und wir hofften vor dem Jungen und vor allem vor seiner großen Schwester zur Stichstrasse zu kommen. Mit zitternden Händen aber trotzdem souverän, fuhr Thorben in die Stichstrasse. Jetzt hofften wir nur, dass uns weder das Junge noch seine große Schwester folgen würden. Die große Schwester schubste das Kleine weiter, kam uns ein paar Meter hinterher, flatterte mit den Ohren und stellte sich auf einen Hügel. Gottseidank blieb sie stehen und ging nach ein paar sehr langen Sekunden weiter. Wir blieben noch 10 min in unserem Versteck bis wir uns langsam hinauswagten. Wir mussten weiter, denn sonst würden wir es nicht mehr rechtzeitig vor der Sperrstunde zum Ausgang schaffen. Die Herde war weitergezogen, aber erst nach ein paar Kilometern setzte die Erleichterung ein. Wir waren zugleich vollkommen fertig und total aufgekrazt. 

Aber auch ohne eigene Beteiligung ist es spannend, Tiere in Aktion zu sehen. Am spannendsten fand ich die Wasserlöcher die von Krokodilen belagert wurden und an denen die Antilopen, Warzenschweine, Zebras und andere trotzdem trinken mussten. Die trinkenden Beutetiere waren sichtlich nervös und sprangen bei der kleinsten Bewegung davon. Auch Kämpfe innerhalb der Tiergruppen konnten wir beobachten. So sahen wir mehrfach wie sich Elefantenbullen mehr oder weniger ernsthaft bekämpften. Wir sahen auch miteinander kämpfende Giraffen, die zwar weniger adrinalinfördernd, dafür aber umso lustiger aussahen.  Beim Kämpfen stehen die Girafen immer ganz dicht nebeneinander und attakieren sich mit ihren Köpfen. Sie schwingen ihre Hälse wie ein Pendel um dann mit Kraft ihre Hörner in die Brust der anderen Giraffe zu schleudern.

Elefantenbullen im Rangordnungskampf



4) Waehrend einer Buschwanderung erlebt man die Tiere hautnah und mit allen Sinnen aber auch mit mehr Respekt.

 Bei der Wanderung hatten wir nochmehr das Gefühl im natürlichen Lebensraum der Tiere zu sein, weil wir uns nicht auf der Straße aufhielten sondern querfeldein liefen. Als wir bei Sonnenaufgang durch den Busch liefen kam ich mir reichlich verletzbar vor, auch wenn zwei bewaffnete Ranger mit uns unterwegs waren. Ich schaute mich permanent um, um nach gefährlichen Tieren Ausschau zu halten. Es ist aber ziemlich schwer diese gut getarnten Tiere mit ungeübtem Blick aufzuspüren. Was aber wesentlich besser funktionierte als mein Sehsinn, war mein Gehör. Immerhin hörte ich den Elefanten bereits als er noch 200m von uns entfernt war. Ich sah ihn aber erst als wir bereits 30m vor ihm standen. Gottseidank störte er sich überhaupt nicht an unserer Anwesenheit, und ich war noch beeindruckter von der Größe des Elefantens als ich es vorher gewesen bin. Kurz danach sahen wir eine kleine Gruppe Nashörner. Sie waren etwas nervös, weil sie uns hörten, aber nicht recht wussten, ob sie vor uns weglaufen sollten. Komischerweise hatte ich gar keine Angst vor den Tieren als ich sie beobachtete. Aber ich war trotzdem froh, dass die beiden Ranger da waren.



Barbara beim Morning Walk, mit Elefant im Hintergrund

Noch eine Bekanntschaft vom Morning Walk

Wie fragten uns, wie schnell die beiden Ranger ihre Waffen im Notfall aufheben koennten
5) Den ganzen Tag in der Natur sein ist Balsam fuer die Seele.

Auf Safari verbringt man den ganzen Tag draußen. Wobei das nur die halbe Wahrheit ist, denn eigentlich verbringt man die meiste Zeit im Auto. Was da eine bessere Alternative ist, sind die Backpack-Touren. Da wandert man drei Tage mit seinem Rucksack, Zelt und Proviant in einer Gruppe von 8 Leuten im Nationalpark und schlägt sein Zelt dort auf wo es grade passt, völlig ohne Zäune oder Sanitäranlagen. Leider fehlte uns die Ausrüstung dazu, sonst hätten wir so eine Tour liebend gerne gemacht. Aber man braucht ja immer einen Grund um nochmal wieder zu kommen. Am nächsten dran an diesem Erlebnis waren die Bushwalks, siehe oben, und eine Nacht im Safarizelt mit Lagerfeuer. Dort hört man die ganze Nacht die Geräusche der Wildnis und der Sternenhimmel ist so schön zu sehen wie selten.

6) Oder sind es einfach nur unsere Instinkte, die bei einer Safari geweckt werden?

Vielleicht weckt so eine Safari auch unseren Jagdinstinkt. Wir fahren im Park umher, bewaffnet mit unserem Fernglas und unserer Kamera und spüren die Tiere auf um so mit unseren Kameras zu verewigen. Vielleicht ist es aber auch eher unser Sammlerinstinkt. Denn auch das Sammeln von Pilzen setzt Endorphine frei. Hat man nämlich nach langer Suche endlich einen großen Pilz gefunden, ist die Freude groß. Genauso ging es uns mit den Tieren. Es ist das unberechenbar. Man weiß nie ob und wann und wo man was sieht. Und eigentlich hat man auch keinen Einfluss darauf. Und dann die große Freude, wenn man ein Tier besonders nah, oder in einem besonders schönen Moment erblickt. Dann denkt man sich, was für ein Glück man doch grade hatte, dann man grade jetzt genau hier vorbeifährt.

Ein gewissen Voyeurismus ist natürlich auch dabei. Die Tiere ignorieren die Autos meist und nehmen sie gar nicht war. Wir konnten die Tiere also einfach und schamlos beobachten. Wie sie spielen, kämpfen, poppen, fressen und schlafen. Das ganze hat schon was von Big Brother und wenn was spannendes passiert, filmen wir es auch gerne. Peinlich ist uns das ganze höchstens wenn wir von anderen dabei gesehen werden. So sahen wir am Wegesrand einen Pavian und hielten, genau wie ein Pärchen in einem anderen Auto, an. Knappe drei Meter von unseren Autos enfernt setzte sich das Maennchen hin und schaute abwechselnd in unsere Autos. Dann meinte Thorben: "Guck mal, der kratzt sich am Bauch." Nein, es war nicht der Bauch und der Pavian kratzte sich auch nicht. Nachdem wir kapiert hatten, was vor sich ging, schauten wir peinlich berührt aus den Augenwinkeln das Pärchen im anderen Auto an, die das selbe taten. So ein Affe ist dann doch schon zu menschlich. Wir fuhren davon, in unterschiedliche Richtungen.

Auch die Gefahr spielt eine Rolle. Das Wissen, dass es sich um wilde Tiere handelt, von denen uns manche sogar töten könnten, flößt einem Respekt ein und uns lief ein Schauer über den Ruecken als wir den Löwen mit seiner Beute sahen. Denn auch die Tatsache, dass es bei den Tieren hier wirklich ums Überleben geht, macht die Sache viel spannender. Wenn man eine Antilope trinken sieht und sieht, dass sich ein Krokodil auf den Weg in seine Richtung gemacht hat, wird man ganz aufgeregt. Insgeheim hofft man, dass die Antiope das Krokodil nicht sieht und man einen Kampf sehen kann. Die Antilope könnte ja im letzten Moment noch entkommen, aber irgend eine sadistische Fazination für diesen Überlebenskampf hatten wir schon. Den einzigen "kill" den wir sahen, war allerdings nur ein Vogel, der einen Wurm gefunden hatte.

Zur Jagd bewegen sich sogar Loewen

Das einzige Tier, dass wir wirklich beim "Kill" gesehen haben


Gepard auf der Pirsch


Andere Tiere wecken eher als den Jagd- oder Fluchtinstinkt einen Mutterinstinkt. Elefäntchen oder kleinen Affen wuerde man das vielleicht zutrauen. Aber auch einer Hyaene?







Man ist von der Wildnis fasziniert. Aber so richtig erklären, kann ich es nicht. Vielleicht will man auch einfach nur vor anderen mit seinen Tiererlebnissen prahlen :)

Barbara





Mittwoch, 3. September 2014

Swasiland: vom heiligen Geist und heiligen Kühen

Unser beeindruckenstes Erlebnis in Swasiland war ein zionistischer Gottesdienst. Vergesst die leeren Kirchenbänke und die Gläubigen mit ihren ernsten Mienen in Deutschland, vergesst sogar die Glaubensshow in Brasilien mit ihrem Schlagzeug und der Powerpoint-Präsentation in Brasilien. Hier in Swasiland nimmt der Glaube eine völlig andere Dimension ein!

Die Kirche selber ist nur ein etwa 40m2 großer Lehmbau mit Bänken an den beiden Seiten und einem Tisch für den Pastor vor Kopf. Als wir ankamen war sie noch fast leer, und der Pastor begrüßte uns freundlich (unterstützt von einem Guide, der für uns übersetzte). Schon mit den ersten fünf Leuten, die ankamen, fing der Pastor an zu singen. Und zwar im Kanon. Es hörte sich an als ob ein ganzer Chor singen würde. Nach und nach trudelte der Rest ein, die meisten in einer Art Kirchenrobe. Die Männer brachten einen Stab mit, der etwas von einem Speer mit Axt hatte aber das Kreuz symbolisieren soll. Als es dann los ging wurden als erstes zwei neue Mitglieder interviewt und dann von allen anderen Anwesenden per Handschlag willkommen geheißen. Danach wurde die Robe der neuen Mitglieder geweiht, was mich stark an Hexenkunst erinnerte. Denn der Pastor hielt die Neue im Arm, die Robe zwischen ihnen eingequetscht, und betete dazu irgendeine Zauberformel, während die Gemeinde wieder sang. Während all dem verstanden wir natürlich nichts von dem was der Pfarrer sagte, aber wir hörten ihm trotzdem so gebannt zu wie alle anderen, von Jung bis Alt. Er war ein extrem charismatischer Mann, der mich an den alten Medizinmann mit dem Stab bei "König der Löwen" erinnerte.





Danach wurde es dann wirklich wild. Die Bänke wurden rausgetragen. Ein Gemeindemitglied nahm alle Speer-Kreuze, kniete sich in die Mitte des Raumes und begann inbrünstig zu beten - wobei das eher ein mit geschlossenen Augen zum Himmel brüllen war. Dazu begann der Pfarrer im Kreis darum zu gehen, die Gemeinde sang und klatschte. Nach und nach wurde der Gesang immer lauter und viele Leute folgten dem Pfarrer, so dass irgendwann eine Art Polonäse entstand. Die Menschen bewegten sich immer schneller, bis sie fast liefen. Die kleine Hütte bebte vom Rhythmus der Füße und die ganze Luft war erfüllt von einer Energie und Kraft, wie ich es noch nie erlebt habe. Das ganze schaukelte sich zu verschiedenen Texten, Rhythmen und Schrittfolgen immer weiter hoch, irgendwann kamen auch Drehungen dazu.


 


Einige Gläubige verließen vor Erschöpfung den Kreis. Andere hingegen tanzten sich in Trance. So etwas habe ich wirklich noch nie gesehen und es war sehr beeindruckend. Manche Männer hatten offensichtlich keine Kontrolle mehr über ihren Körper, zuckten und schrien teilweise. Zwei Männer tanzten sich so in rage, das sie miteinander kämpften. Der eine Mann schubste den anderen aus dem Kreis, taumelte dann selber und flog hin. Woraufhin sich der erste Mann auf ihn stürzte, ihn von hinten strangulierte und in die Schulter biss. Daraufhin wurden sie von anderen Gläubigen und dem Pfarrer auseinander gebracht. Danach wurde der Rhythmus wieder langsamer bis sie ganz aufhörten zu singen und zu tanzen. Die meisten kamen wieder zu sich und waren sichtlich erschöpft. Drei Männer waren raus gebracht worden, weil sie immer noch vom "heiligen Geist" besessen waren. Für die anderen ging es nun mit einer Bibelstunde weiter. Wir verließen jedoch das Geschehen, denn der Gottesdienst würde noch vier Stunden dauern. Die ersten beiden Stunden waren jedenfalls wie im Flug vergangen.



Den Nachmittag und die Nacht verbrachten wir dann in bei einer Familie im Dorf. Wobei Dorf es eigentlich nicht ganz trifft, denn die Familien leben sehr verstreut. Eine Familie baut einige Rundhütten, die eng zusammen stehen und den Kraal - oder die Homestead - bilden. Darum ist Platz für die Kühe und ein wenig Anbau von Gemüse und Mais, und die nächsten Nachbarn sitzen unter Umständen erst einen Hügel weiter. Wir lernten einiges über die Kultur der Swasi, wie sie traditionell Hütten bauen, wie Familien zusammen leben und immer wieder, wie wichtig Kühe sind. Auf dem Land dreht sich alles darum, wieviele Kühe man hat. Wenn man gegen die Dorfregeln verstößt muss man eine Strafe in Form von Kühen bezahlen. Will man die Erlaubnis haben ein Haus zu bauen, muss man dem Chief eine Kuh geben, natürlich muss man auch für eine Braut 17 Kühe bezahlen. Das stehlen von Kühen ist zwar weit verbreitet aber auch eines der schlimmsten Verbrechen. Als ich wissen wollte wofür die Leute die Kühe den nutzen, verstand unser Guide meine Frage erst gar nicht. Ich schlug ihm vor: wegen der Milch, wegen dem Fleisch... Das bejahte er. Im Grunde sei eine Kuh aber wie eine Bank. Denn solange man eine Kuh besitze habe man Geld. Meine Frage danach wofür sie ihre Kuehe halten hatte sich also für ihn so angehört wie für uns die Frage wofür wir denn Geld bräuchten. Es ist als wäre die Zeit stehen geblieben in Swasiland. Jedenfalls auf dem Land und schließlich ist fast das ganze Land ländlich.

 
Nachdem wir die ganze Zeit gehört hatten wie wichtig Kühe sind, fanden wir es besonders interessant uns am nächsten Morgen das örtlichen Cattle-Dipping anzuschauen. Einmal in der Woche treiben alle Anwohner der näheren Umgebung ihre Kühe an einem Ort zusammen wo sie sie dann durch ein Desinfektionsbad treiben. Da jeder Kühe besitzt kamen ganz schön Viele zusammen. Offensichtlich gefiel den Kühen die Prozedur nicht, und besonders die Kälber sorgten immer wieder für Blockaden. Wir beobachteten das Treiben und wurden immer wieder sehr freundlich begrüßt. Viele Swazis kamen auch zu uns und begannen - über unseren Übersetzer - eine kurze Unterhaltung. Ausser dem Desinfektionsbad, was gegen Zecken gemacht wird, wurden die Kühe auch gezählt und registriert. Außerdem wurden einige Bullen kastriert. Das sah wirklich schmerzhaft aus, und die Tiere wurden dabei nicht betäubt. Thorben konnte sich das ganze gar nicht anschauen.





In einem wissenschaftlichen Experiment wäre Swaziland die perfekte Kontrollgruppe für Südafrika um die Frage zu beantworten, wie Südafrika aussehen würde ohne den deutlichen Einfluss der Europäer und ohne die Apartheid. Denn in Swasiland hat es nie viele Weiße gegeben, und es hat sich als kleines Land gehalten, dass bis heute von einem absoluten Monarchen regiert wird. Die Menschen in Swasiland sind bestimmt nicht wohlhabender als die Zulus und Xhosa in Südafrika. Sie sind in der Tat weniger entwickelt. Das Experiment würde aber zeigen, dass Menschen zufriedener sind wenn es keine großen Einkommensunterschiede im Land gibt. Selbst wenn das heißt, dass alle wenig haben. Na gut, bis auf den König und seine Familie, aber das ist kulturell akzeptiert.

Ein weiterer Unterschied zu Südafrika, ist das die Menschen wesentlich entspannter miteinander und mit uns umgehen. Südafrikaner sind auch sehr freundlich, aber irgendwie hatten wir den Eindruck, dass es zwischen Schwarzen und Weißen meist eine gewisse Spannung und Distanz gibt. Vielleicht bildet man sich das als Weißer auch nur ein, weil man irgendwie doch ein schlechtes Gewissen hat. Die Freundlichkeit der Swasileute ist dagegen ganz unbeschwert und offen. Man fühlt sich wirklich willkommen. Aber auch hier hat das Leben seine Schattenseite und in Swasiland kommt sie in Form von AIDS. Jeder dritte Swasi ist infiziert und die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei Mitte dreißig. Sei es wegen der Traditionen oder wegen mangelnder Aufklärung, die Ausbreitung der Krankheit kann seit Jahren nicht gestoppt werden.

Wir verließen Swasiland mit dem Gefühl ein Land besucht zu haben, dass noch stark in seinen Traditionen verwurzelt ist, in dem sich das Leben in den letzten 100 Jahren für Viele nicht sehr stark verändert hat und in dem die meisten Menschen respektvoll und freundlich miteinander umgehen.

Montag, 25. August 2014

Schwarzweiß denken


Man kann Südafrika sehr unterschiedlich kennenlernen. Entweder man lebt wie die urbanen Besserverdiener, kurz Weiße. Dann lebt man mit jeglichem europäischen Komfort sowie einer günstigen Haushaltshilfe in Kapstadt oder Johannesburg in einem netten Apartmenthaus mit Sicherheitspersonal und hinter Gittern. Man bewegt sich nur im Auto fort und meidet die schlechten/armen Gegenden der Stadt. Die meiste Zeit unterhält man sich vorwiegend mit Weißen. Am Wochenende fährt man mit Familie oder Freunden in einen der vielen Nationalparks wo man die Landschaft genießt, wilde Tiere beobachtet und abends gepflegt mit einem Glas Wein grillt. Das ist das Leben der Expats, der meisten weißen, urbanen Südafrikaner und auch das Programm fast aller Touristen. Und auch wir haben uns dieses Wohlfühlprogramm gegönnt: Lodge im reichen Viertel von Johannesburg mit Zaun drum rum, Mietwagen, Safari, wandern und grillen im Nationalpark... Schöne heile Welt.

Die Weißen auf dem Land sind vor allem Buren, also Nachfahren der mehrheitlich deutschen und holländischen Einwanderer, die  hauptsächlich von der Landwirtschaft lebten und erst Sklavenarbeit und dann billige schwarze Arbeitskräfte nutzten. Auch heute noch sind die Weißen auf dem Land die relativ wohlhabenden Bauern, die gerne unter ihres Gleichen bleiben und nur deswegen relativ viel Kontakt mit Schwarzen haben, weil sie ihre Mitarbeiter sind.

Das Leben der meisten schwarzen Südafrikaner sieht anders aus. Viele leben entweder in Elendsvierteln (townships) am Stadtrand oder in den unterentwickelten Stammesgebieten (homelands).

Die meisten Städte hier haben einen Ortskern aus "normalen" Steinhäusern in denen die Mittel- und Oberschicht lebt. Drumherum befinden sich die Townships, die Armutsviertel. Diese sind zur Zeit der Apartheid (Rassentrennung) entstanden als die weißen Südafrikaner die Schwarzen nicht in ihrer Nähe wohnen haben wollten, aber gleichzeitig nicht auf deren billige Arbeitskraft verzichten wollten.
Mit einer gewissen Vorsicht die wir in den ersten Tagen in einem neuen Land an den Tag legen, hatten wir uns in Johannesburg nur mit einer geführten Radtour in das legendäre - weil Brutstätte der Freiheitsbewegung - Elendsviertel Soweto (South West Township) getraut. Dort haben wir nicht nur viel über die Apartheid gelernt sondern auch gesehen wie die Menschen dort 20 Jahre nach der Apartheid und unter einer "schwarzen" Regierung leben. Teilweise erinnerten uns die Gegenden an die indischen Slums. Wellblechhütten ohne Sanitäranlagen, Müll auf den Straßen und Männer, die ohne Beschäftigung rumhängen. Aber es gibt  mittlerweile auch hier etwas bessere Gegenden mit Steinhäusern und Vorgarten. Immerhin ziehen die etwas Wohlhabenderen nicht weg sondern werten das Viertel auf.

Die Homelands auf der anderen Seite sind ländliche Gebiete, die nie unter Einfluss der Weißen waren. Diese Gebiete wurden in der Apartheid den Xhosa und Zulu zugewiesen und sind extrem unterentwickelt. Diese für uns unerwartete Seite Südafrikas lernten wir bei unserem Besuch in der Bulungula Lodge an der Wild Coast kennen. Schon der Weg dorthin ist abenteuerlich, da er zwei Stunden lang nur über richtig schlechte Schotterpisten führt und man direkt das Gefühl bekommt am Ende der Welt angekommen zu sein. Diese von einer NGO aufgebauten und nun zu 50% in den Händen der dort lebenden Xhosa und zu 100% von ihnen gemanagten Eco-Lodge hat zum Ziel den Besuchern ein authentisches Bild vom dortigem Leben zu geben. Und das gelingt ihnen wirklich gut.

Die Menschen wohnen in einer idyllischen Landschaft in runden Häusern, was mich ziemlich an Schlumpfhausen erinnert hat. Und sie leben dort noch sehr traditionell. Die Familien schlafen zusammen auf dem Boden ihres Rundhauses, das Dach ist aus getrocknetem Gras und die Steine bestehen aus Lehm, Gras und Kuhdung. Bei einer "Frauen-Power" Tour nahm uns eine junge Xhosa-Frau mit zu sich nach Hause. Wir lernten nach und nach alle Familienmitglieder kennen und machten die dort typischen Frauenarbeiten: Wasser holen, Feuerholz sammeln und kochen. Nur das Wäsche waschen im Bach blieb uns erspart. Hier hat sich wirklich nicht viel verändert im letzten Jahrhundert. Obwohl die Lage traumhaft ist und die Menschen zufrieden aussehen, sollte man das einfache Leben nicht romantisieren. Es gibt keine Toiletten, keine Müllsammelstelle und keine Elektrizität. Erst seit einem Jahr gibt es eine Wasserleitung, vorher gab es nur vereinzelt Wasserstellen aus denen Grundwasser hochgepumpt wurde und Flusswasser. Die Bildung ist schlecht. Zur weiterführenden Schule müssen die Kinder drei Stunden mit dem Auto gefahren werden. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, wurde aber zumindest in den letzten drei Jahren dank der Lodge und damit verbundenen Projekten von 74% auf 45% reduziert. Mit Abstand das einzige Moderne was die Leute nutzen sind Handys.

Schwarze und Weiße leben nicht nur sehr unterschiedlich, sie denken auch sehr unterschiedlich. Es war leicht für uns mit weißen Südafrikanern ins Gespräch zukommen da sie sehr offen und freundlich zu uns waren. Irgendwann in einem Gespräch kamen sie meist auf das schlecht funktionierende Land zu sprechen. Die Regierung sei unfähig und das Land ginge den Bach runter weil die Stellen nicht nach Kompetenz besetzt würden sondern nach Hautfarbe. So weit so verständlich. Trotzdem fiel uns grade nach Brasilien auf, wie tief Rassismus im Denken vieler Leute verwurzelt ist. Ein Lodge-Besitzer auf dem Land ergänzte zu der üblichen Tirade noch: "Wir könnten so ein tolles Land sein, wenn jeder das machen würde was ihm liegt. Wenn die Europäer nun mal bessere Manager sind, dann sollten sie eben managen und die Schwarzen sollten machen was sie können, nämlich Musik machen und tanzen." Das war ihm nicht rausgerutscht, das meinte er ernst und sah auch kein Problem mit dieser Äußerung. Auch die Menschenrechtsverletzungen in der Apartheid werden öfters bagatellisiert. So behauptete derselbe Lodgebesitzer, dass es den Schwarzen jetzt gar nicht so viel besser ginge als zur Zeit der Apartheid. Die Schulen seien nicht besser geworden. Einzig die Sperrstunde seien sie losgeworden. Menschenrechte? Kein Thema für ihn. Rassismus unter den Weißen ist kein Tabu, wie auch andere Reisende fest stellen, sondern normal und alltäglich. Es gibt aber natürlich auch Ausnahmen. Zum Beispiel den Farmer Bobby, bei dem wir couchsurfsten. Er spricht Zulu, weil er mit schwarzen Kindern aufgewachsen ist und versteht zumindest ein wenig die afrikanische Seele mitsamt ihren Zauberkräften und Medizinmännern. Aber auch bei ihm ist die Rangordnung von weißem Farmbesitzer und schwarzen Arbeitern klar.

Befeuert werden die Konflikte in der Stadt von Arbeitslosigkeit und auf dem Land von der Angst enteignet zu werden. Denn nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation muss die  Regierungspartei ANC ihr Klientel bei der Stange halten. Dazu hieft sie möglichst viele Anhänger in Posten, und sorgt insgesamt dafür, dass fast nur Schwarze eingestellt werden. Auf dem Land ist es für Weiße zur Zeit nahezu unmöglich, Land zur Bewirtschaftung zu kaufen oder zu pachten, auch Jobs im öffentlichen Sektor sind außer Reichweite. Ein gerne zitiertes Beispiel ist hier der Gebärdendolmetscher von der Beerdigung Nelson Mandelas. Der war zwar linientreuer ANC-Mann konnte aber leider keine Gebärdensprache. Auch im Kleinen kann jeder Weiße hier Geschichten von unfähigen Schwarzen in der Verwaltung sofort aufrufen.

Aber auch dramatischere Maßnahmen werden offen gefordert: die weißen Farmer sollen den Schwarzen "ihr" Land wieder geben. Es geht also die Angst vor der Beschlagnahmung von Land um - weswegen wiederum fast jeder uns in den ersten fünf Minuten eines Gespräches erklärt, dass die heute vorherrschenden Zulu und Xhosa gar nicht die ursprünglichen Bewohner der Gegend seien sondern auch nur die davor ansässigen Jäger-und-Sammler verdrängt hätten.

Die Schwarzen, insbesondere die aus den Townships, haben die Unterdrückung und Erniedrigung der Apartheid keinesfalls vergessen oder vergeben. Sie finden, dass sie nun ein Recht auf einen Anteil am weißen Reichtum haben. Das jedenfalls ist unsere gewagte These aus unseren wenigen Interaktionen mit Schwarzen. Wir fanden es nämlich nicht leicht mit ihnen in Kontakt zu kommen, was vermutlich an unserem Reisestil lag. Außer bei geführten Touren hatten wir nur ein paar mal Kontakt mit Anhaltern, die wir ein Stück mitnahmen.

Ein Mann in unserem Alter, der aus den Stammesgebieten kam und den wir ein Stück mitnahmen als er auf dem Weg zu einer Beerdigung war, berichtete uns, dass viele Schwarze in den Stammesgebieten nun wegen der staatlichen Subventionen kaum noch arbeiten würden. Statt wie früher Gemüse im Garten anzubauen, würden sie heute lieber das Arbeitslosengeld nutzen um das selbe im Geschäft zu kaufen. Arbeit ist in den Stammesgebieten generell rar, denn Infrastruktur ist kaum vorhanden und weder private noch öffentliche Investitionen werden hier getätigt.

In der Tat hängen in Südafrika so viele Menschen am staatlichen Geld Tropf wie kaum sonst wo auf der Welt. Und obwohl ich denke, dass der Staat für soziale Gerechtigkeit in diesem polarisierten Land sorgen sollte, kann diese jüngst geschaffene Abhängigkeit vom Staat nicht der richtige Weg sein. Bobby erzählte uns, dass einige seiner schwarzen Mitarbeiter ihre Tuberkulose-Behandlung nicht abschließen um nicht geheilt zu werden. Denn nur so lange sie krank seien bekämen sie eine Art Tuberkulose-Krankengeld. Die wohl gröbste Fahrlässigkeit der Regierung ist aber die immer noch schlechtere Schulbildung der schwarzen Unterschicht. Obwohl pro Kopf mehr für Bildung ausgegeben wird als in Deutschland. Das Geld, wie so oft, verschwindet durch  Vetternwirtschaft und Korruption.

Uns erscheinen die Fronten zwischen schwarzen und weißen Südafrikanern sehr verhärtet zu sein. Das merkten wir schon daran, dass wir keine schwarzweißen Paare gesehen haben und die Kinder der Weißen sehr blond sind. In keinem anderen Land, dass wir bereist haben definierten sich Menschen so sehr und zuallererst über ihre Hautfarbe, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit gibt es so gut wie nicht. Die einen sind wütend und wollen jetzt mal "dran" sein, die anderen haben Angst und pflegen alte Vorurteile. Und in Kombination mit einer korrupten Regierung und wirtschaftlicher Stagnation, scheint uns Südafrika ein Pulverfass zu sein.

Dienstag, 19. August 2014

Brasilien: unser Fazit

Brasilien ist so etwas wie das perfekte Urlaubsland. Es gibt unglaublich viele, tolle und verschiedene Landschaften. Vom Amazonas über Wüsten bis hin zu Bergen zum Wandern und natürlich DEN Wasserfällen von Iguaçu. Man müsste wohl mehrmals hin, um alles zu sehen. Den Pantanal zum Beispiel oder die Chapada Diamantina konnten wir trotz sechs Wochen Reisedauer aus Zeitmangel nicht sehen. Vor allem aber - und das ist ja für viele Urlauber am wichtigsten - hat Brasilien tausende von Kilometern Traumstrände. Es gibt windige Strände zum Kite- oder Windsurfen, welche mit Wellen zum Wellenreiten, Stadtstrände und einsame Inselstrände. Und dann gibt es natürlich noch die Städte. Vor allem Rio und Sao Paulo sind einen Besuch wert. Rio wegen der Sehenswürdigkeiten von Zuckerhut bis Copacabana und Sao Paulo wegen Restaurants und Museen. Warum es trotzdem so wenig Touristen im Land gibt ist eigentlich ein Rätsel, es führt aber dazu, dass man viele der tollen Landschaften und Strände fast für sich alleine hat. Alleine das ist ein Grund wieder zu kommen. Die Kehrseite der riesigen Auswahl ist natürlich, dass das Land riesig ist. Im dünner besiedelten Norden hört man schon mal Sätze wie: "Das ist nicht weit, zwei Stunden von hier. Mit dem Flugzeug...". Wir haben insgesamt 3 Nächte in Nachtbussen und eine im Flugzeug verbracht und auch einiges an Geld für Transport ausgegeben. Mit etwas mehr und frühzeitiger Planung hätte man das aber vermeiden können und sich mit den recht günstigen Inlandsflügen bewegen können.

Wenn man an Brasilien denkt, denkt man(n) auch an die hübschen Brasilianerinnen. Was und spätestens am Stand aufgefallen ist, waren die vielen Schönheits-OPs. Nicht nur Brüste werden vergrößert sondern auch Hintern aufgepolstert, Nasen modelliert und Bauchspeck abgesaugt. Erstaunt hat und auch wie offen die  Brasilianerinnen damit umgehen. So haben uns erstaunlich viele ungefragt von ihren kleinen oder großen Korrekturen erzählt. Was dazu passt, dass das Ergebnis meist ziemlich künstlich aussieht. Ich frage mich nur wie man auf so einem Silikonhintern sitzt... .

Das allererste was uns im Land aber aufgefallen ist - und das passt jetzt gar nicht dazu - war die Religiosität. Gleich als wir die Grenze vom kolumbianischen Leticia zum brasilianischen Tabatinga überquerten sahen wir viele verschiedene Kirchen. Es gibt Pfingstgemeinden, Methodisten, Baptisten, Evangelisten und natürlich katholische Kirchen. Überall sieht man Menschen mit der Bibel oder religiosen Büchern rumlaufen. Auch im Fernsehen laufen auf der Hälfte der Kanäle Gottesdienste und ein "Gottseidank" ist meist wirklich wörtlich gemeint. Dabei ist Brasilien nicht stramm katholisch, sondern jeder scheint sich aus der Vielzahl der Kirchen und Philosophien das für ihn passende heraus zu suchen. In Sao Paulo wurde als wir da waren grade eine evangelikale Kirche eingeweiht. Als Modell des historischen Tempels von Salomon - nur größer und mit über 10.000 Plätzen. Das alles, zusammen mit einer Messe, die wir im Städtchen Paraty bis in unser Zimmer hören konnten weil der Pfarrer so passioniert gepredigt und die Gläubigen
gejubelt hatten, weckte unser Interesse. Wir gingen zu einer Messe von "Show da Fé" (Show des Glaubens), einem Kirchen-Franchise mit Fernsehkanal, das für besondere Events auch schon mal das Maracanã anmietet. Wir wollten den Zauber selber erleben. Als wir es uns aus der Nähe ansahen, war die Messe im Prinzip nicht viel anders als unsere. Bis auf die Gitarre und das Schlagzeug, die die Gesänge begleitet haben, die Powerpointfolien und der Versuch religiöse Bücher zu verkaufen. Der Pfarrer war auch weniger interlektuelle Moralfigur und mehr passionierter Glaubensmanager.
Manche Gläubige allerdings waren wesentlich involvierter als zu Hause. Sie schluchzten teilweise während des Gottesdienst, hoben beim Beten die Arme zum Himmel oder machten sich Notizen während der Predigt. Wir hatten aber nicht den Eindruck bei einer Sekte zu sein, jedenfalls nicht mehr als zu Hause in der Kirche.

Ein weiteres Highlight war das Essen. Man bekommt immer viel. Meist sehr gutes Fleisch mit Reis, Bohnen und - ohne das ist keine Mahlzeit vollständig - Farofa. Farofa besteht aus Maniokmehl, das mit Butter und eventuell Speck und Zwiebeln gebraten wird. Als Pulver wird es über jedes Essen gestreut und trägt, unserer Meinung nach, gar nichts zum Geschmack bei. Es ist nämlich fast komplett geschmacksneutral. Trotzdem ist für Brasilianer ein Essen ohne Farofa einfach nicht komplett. Brasilien hat auch seine ganz speziellen Restaurants, dabei kommt man meist ziemlich schnell an sein Essen. So gibt es öfter Rodizio, wobei die Kellner mit verschiedenen Essen rumkommen und man sich etwas davon aussucht. Man kann sich solange nehmen bis man satt ist. Meist gehen die Kellner dabei mit großen Spießen auf denen gegrilltes Fleisch ist rum und schneiden auf Wunsch etwas davon ab. Das Konzept ist aber so beliebt in Brasilien, dass es nun auch Pizza-Rodizio oder ähnliches gibt. Eine genauso schnelle Alternative ist das Kilo-Restaurant. Dort nimmt man sich etwas vom Buffett und zählt pro Kilo.

Zu trinken gibt es dazu, oder auch ohne essen, immer und gerne Bier. Schon morgens und mittags sieht man Leute in der Sonne sitzen und ein Bier trinken. Und zwar immer eiskalt. Die Obsession für kaltes Bier geht mindestens so weit wie die für Farofa. Ein Barbesitzer, der etwas auf sich hält würde zum Beispiel niemals Cola und Bier im gleichen Kühlschrank lagern. Cola friert nämlich bei 0 Grad und Bier erst bei -4. Und genau das ist die optimale Temperatur, um ein brasilianisches Bier zu trinken. Ein paar mal fror mir das Bier nach dem Eingießen im Glas oder waren Dosen im Kühlschrank angefroren. Das geht so weit, dass die Temperatur des Bieres der beste Gradmesser für die Qualität einer Bar ist. Ein typische Unterhaltung geht dann so: "Ist nett hier." "Ja, das Bier ist kalt."

Um aber mal zum Wichtigsten zu kommen. So kalt wie das Bier ist, so warm sind die Leute. (Sorry für das schlechte Wortspiel) Wir haben wirklich überall unglaublich hilfsbereite, warme und liebe Menschen kennen gelernt. Ein Beispiel: Ich stand im Supermarkt an der Brottheke und verglich zwei verschiedene Packungen Brötchen. Da spricht mich eine alte Frau an, und zeigt auf einen Mitarbeiter des Supermarktes: "Der legt gleich neue hin, die sind frischer. Wie viele brauchst du denn?" Und dann zum Mitarbeiter: "Gib mir doch mal 4 und dem jungen Mann hier 5 Brötchen". Noch einen schönen Tag gewünscht, und weiter ging es. Solche kurzen Begegnungen machen das Leben einfach netter. Ich glaube ich fange das in Deutschland auch mal an. Und
das die Freundlichkeit nicht nur oberflächlich ist, sondern sehr ernst gemeint (den Vorwurf machen griesgrämige Deutsche ja gerne allen, die grundlos nett sind) konnten wir erfahren, als wir es wirklich brauchten. Wir hatten einen Bus nach Sao Paulo genommen um am gleichen Tag von dort einen Flug nach Florianopolis zu nehmen. Als wir aber am Flughafen einchecken wollten, merkte ich, dass ich unsere Pässe im Bus hatte liegen lassen. Bevor jetzt alle "typisch Thorben" sagen, möchte ich zu meiner Verteidigung sagen, dass wir vorher in fast 8 Monaten quasi nichts Wichtiges hatten liegen lassen. Wie auch immer, während ich mit dem Taxi zum Busbahnhof zurück fuhr, blieb Barbara am Flughafen und schrieb ein paar unserer neuen brasilianischen Freunde. Am Busbahnhof angekommen stieg der Taxifahrer mit aus und fragte für mich überall rum - leider ohne Erfolg, der Bus war bereits ins Depot gefahren. Zurück am Flughafen war der Flug natürlich ohne uns weg, aber dafür hatte brasilianische Hilfsbereitschaft zugeschlagen. Aus Manaus hatte Rodrigo eine Meldung bei der Busgesellschaft aufgemacht, aus Rio de Janeiro hatte Pablo schon beim deutschen Konsulat angerufen und Rafael, der in Sao Paulo wohnte bot uns einen Schlafplatz an. Als dann wenig später die Busgesellschaft sich noch bei Rodrigo meldete, dass die Pässe gefunden waren, war der Schreck vorbei und wir konnten uns beruhigen. Ich weiß nicht, wie die Geschichte ohne unsere Freunde ausgegangen wäre. Freunde, die wir alle erst seit ein paar Wochen kannten und die wir alle nur ein paar mal gesehen hatten.

Die Brasilianer sind im ganzen Land sehr gastfreundlich und dennoch gibt es starke regionale Unterschiede. Vor allem im Norden, Nordosten und im afrikanisch angehauchten Bahia sind sie oft so, wie Barbara sich die Kubaner vorgestellt hatte. Warm, emotional, Musik liebend, entspannt. Weiter im Süden, in Rio oder Sao Paulo, erscheint dann alles etwas europäischer. Man ist tendenziell etwas reservierter, alles läuft geordneter.  Unterschiede gibt es natürlich auch auf Grund der verschiedenen Hautfarben im Land. Brasilien hatte sehr viele Sklaven und damit heute eine Bevölkerung, die sehr gemischt ist. Und auch wenn immer noch die Schwarzen oft ärmer sind als die Weißen, gab es keinen sichtbaren Rassismus. Klar, wirklich gleich sind Schwarz und Weiß auch hier nicht. Die Zimmermädchen und Nannys sind fast ausnahmslos schwarz und die Leute aus der Mittel- bis Oberklasse, die wir kennen lernten, weiß. Trotzdem waren alle mit denen wir sprachen stolz darauf, dass es in Brasilien nicht wichtig sei, welche Hautfarbe man habe. Viele offensichtlich hellhäutige Leute betonten auch, dass sie ein wenig schwarzes und/oder indianisches Blut hätten. Und nicht zuletzt konnte man durchaus gemischte Paare sehen oder Feten auf denen Schwarz, Weiß und alles dazwischen zusammen tanzten. Dinge, die in vielen anderen Ländern kaum denkbar wären.

Wir haben Brasilien in den 6 Wochen sehr lieben gelernt, vor allem natürlich, weil wir in keinem anderen Land bisher so viele Freunde gemacht haben. Wir freuen uns darauf, eines Tages zurück zu kommen, oder den ein oder anderen in Frankfurt begrüßen zu können. Vielleicht Ricardo auf seiner Weltreise?!? Wenn wir an Brasilien denken, haben wir Saudade. Aber um zu wissen, was das ist, muss man wohl selber hin fahren. Worauf wartet ihr?

Urbane Gewalt?

Wenn ich an Brasilien denke, denke ich an Sonne, Strand, Palmen, Samba und fröhliche Menschen. Aber bereits vor unserer Reise und auch während unserer Reise bekamen wir oft zu hören: "Passt bloß auf in Brasilien, dort ist es gefährlich. Jeder hat eine Waffe und ein Menschenleben ist kaum etwas wert." Nicht nur Freunde sondern auch die Medien zeichneten ein furchteinflößendes Bild von Brasilien.

Jetzt möchte ich dem gerne voll und ganz wiedersprechen, denn das Land hat uns nur seine allerbesten Seite gezeigt. Leute, die selber noch nie in dem Land waren haben meist völlig übertriebene Sorgen und die Medien spitzen ihre Reportagen bekanntlich gerne zu. Aber natürlich haben sie auch nicht unrecht. Das erste Indiz für ein hohes Gewaltpotenzial in Brasilien waren die eigens zum Schutz der WM Fans angerückten Polizisten. Die haben wir zwar auch in deutschen Fußballstadien, aber nicht mit automatischen Gewehren und sogar Panzern. Nein, das war ein ganz anderes Kaliber. Das zweite was uns auffiel war, dass alle die wir kennenlernten in bewachten Hochhäusern oder umzäunten kleinen Wohnblocks mit identischen Einfamilienhäuschen wohnten. Selbst nicht so schicke Häuser waren stets gesichert. In Brasiliens Mittel- und Oberschicht geht die  Angst um.

Perpetua, unsere Gastgeberin in Fortaleza, eine der Städte mit den höchsten Mordraten in Brasilien, war ein besonders extremes Beispiel dafür und wir fanden sie schon übertrieben verängstigt. Sie erzählte uns von zwei mexikanischen Mädels, die bei ihr zu Besuch gewesen waren, denen sie ein Taxi gerufen hatte und die vor dem Haus auf das Taxi gewartet hatten. Punkt. Das ist alles. Thorben und ich warteten vergebens auf die noch kommende Geschichte. Sie fand es einfach unglaublich gefährlich auf dem Bürgersteig auf ein Taxi zu warten. Die beiden hätten innerhalb des umzäunten Geländes warten sollen. Sie hätte gedacht, dass man so was doch wissen müsse, wenn man aus Mexiko Stadt kommt. Thorben und ich waren etwas perplex, waren wir doch zuvor zu Fuß durch die Straßen geschlendert. Ich hatte sogar alleine draußen auf Thorben gewartet während er schnell die Einkaufstüten ins Haus gebracht hatte. Perpetua selbst fährt überall nur mit dem Auto hin und trägt nur Modeschmuck, als Vorsichtsmassnahme. Nachts geht sie gar nicht raus, weil man selbst im Auto nicht sicher sei. So saßen wir an einem Nachmittag mit ihr am Strand, es war rammelvoll. Um 17:00 sagte sie, dass wir jetzt gehen müssten, weil es gleich dunkel werde. Gleichzeitig kam direkt neben uns noch eine Familie mit kleinen Kindern an. Leute machten Selfies mit iPhones oder schliefen im Sand.

Perpetua ist sicher extrem vorsichtig, aber eine gewisse Vorsicht ist den meisten Brasilianern zur zweiten Natur geworden. Nächtliche Kreuzungen an kaum befahrenen Straßen waren allen unseren Bekannten ein Graus. Dort machten sie immer ihr verdunkelten Fenster hoch und suchten routiniert die Straßenränder nach potentiellen Räubern ab. Ein Jeepfahrer, der uns zur Wüste gefahren hatte, berichtete, dass ihm vor nicht ganz so langer Zeit sein teurer Jeep, seine Einkommensquelle, geraubt wurde. Die Räuber standen einfach an einer Kreuzung,  und als er um 11 Uhr mittags dort anhielt, richteten sie die Pistole auf ihn, zwangen ihn zum Aussteigen und fuhren mit dem Auto davon. Wenn einem auch selten direkt das Auto geklaut wird, so erbeuten die Diebe öfters mal eine Handtasche. Entweder durch Bedrohung oder durch das Einschlagen des Beifahrerfensters. Wiederstand sollte man aber nie leisten, rät die Polizei und auch unsere Freunde. Einfach alles hergeben.

Auch meine Freundin Marina fuhr lieber das kurze Stück zwischen unserem Hotel und einem Restaurant mit dem Auto. Die Gegend sei zwar gut, aber nachts sollte man lieber kein Risiko eingehen. Sie uns ihr Bruder haben sogar gepanzerte Wagen. Das war unser letztes Indiz für ein hohes Gewaltpotential. Jetzt wollte ich wissen wie es denn mit der tatsächlichen Gewalt aussieht und fragte Marina ob ihnen denn schon mal etwas zugestoßen sei. Gottseidank nicht. Selbst Perpetua musste bei dieser Frage lange nachdenken bis sie sich schliesslich daran erinnerte, dass sie einmal vor über 10 Jahren mit einer unter dem Puli versteckten Waffe - echt oder auch nicht - bedroht wurde. Der Dieb hätte aber nur Kleingeld erbeutet. Eine Freundin von Perpetua wurde am Stadtstrand einmal bestohlen von einem Mob Kindern, wie man es aus den deutschen Medien kennt. Ohrringe und eine Sonnenbrille hatten sie ihr gestohlen. Auch das war vor zehn Jahren. So richtig wilde Geschichten, konnte eigentlich keiner, bis auf den armen Jeepfahrer,
berichten und meist waren die Vorfälle bereits verjährt. Die ständige unterschwellige Angst vor Überfällen und Einbrüchen schmälert die Lebensqualität jedoch erheblich.

Letztlich muss auch ich gestehen, dass ich das Problem, mit der Absicht den Leser dazu zu bringen bis zum Schluss zu lesen, etwas übertrieben dargestellt habe. Denn diese Gewalt, oder die Angst vor der Gewalt, beschränkt sich hauptsächlich auf die großen Städte im Nordosten (Fortaleza, Recife). In kleineren Städtchen und vor allem an Touristenorten merkt man davon gar nichts. So konnten wir in Itacare oder Ilha Grande ohne Bedenken nachts noch rumlaufen. Auch fast überall in Rio de Janeiro und Sao Paulo konnte man sich frei bewegen, wobei wir nichts zur Sicherheit in den Favelas sagen können, weil wir nicht dort waren. Die Leute nutzen die Metro und die Busse, es gibt Ausgehviertel, Flaniermeilen, große Parks, Märkte und Stadtstrände. Wohnungen haben zwar auch in den Städten im Süden meist einen Zaun und einen Pförtner, aber man lebt durchaus auch draußen - mit ein wenig gesundem Menschenverstand halt. Und so würde ich gerne damit abschließen, dass eigentlich alles gar nicht so schlimm ist. Das Problem beschränkt sich auf wenige Städte, und die Gewalt scheint mehr in der Angst der Personen als in der Realität stattzufinden. Nutzt man seinen natürlichen Menschenverstand und läuft nachts nicht in obskuren Ecken rum, dann passiert einem auch nichts.

Nun ja, zumindest passiert einem dann nichts schlimmes. Denn an unserm vorletzten Tag in Sao Paulo wurde uns die Lektion erteilt, dass man auch trotz umsichtigen Verhaltens beraubt werden kann. Thorben sah, auf einer belebten Strasse und am hellichten Tag, wie vier Männer einen anderen Mann in einen Hauseingang schoben, dort seine Taschen durchsuchten und leerten und blitzschnell wieder verschwanden. Das ganze dauerte nur wenige Sekunden und Thorben verstand erst was geschehen war, als er ein Messer in der Hand einer der Männer sah. Ich hatte nur den Tumult bemerkt, aber nicht wirklich verstanden was vor sich ging.

Das Gewaltpotential in brasilianischen Städten lässt sich nicht leugnen. Als Tourist sollte man sich dort also an die üblichen Vorsichtsmaßnahmen halten und vor allem nichts Wertvolles mit sich tragen, dann ist der Schaden auch begrenzt, wenn man bestohlen wird. Außerhalb der besagten Städte ist das Land sehr sicher. Man sollte sich in Brasilien auf gar keinen Fall vor lauter Angst einsperren oder gar Brasilien als ganzes meiden. Die Zeiten in denen man um sein Leben fürchten musste sind vorbei, bzw. scheinen nur noch in den Köpfen zu existieren. Brasilien hat so viel zu bieten und man sollte es sich nicht entgehen lassen!