Dienstag, 25. Februar 2014

Myanmar - unser Fazit

Es ist nicht leicht, ein Fazit über Myanmar zu schreiben. Das liegt nicht nur daran, dass ich jetzt in Thailand am Strand Sitze und Myanmar schon so weit weg scheint. Es liegt auch nicht nur daran, dass ich das Fazit alleine schreibe, weil Barbara eine Woche meditiert und nicht erreichbar ist. Es liegt vor allem daran, dass so viele Dinge in dem Land mehrere Seiten haben, die sich gegenseitig widersprechen.



Fangen wir mit der Plattitüde an: die Menschen sind so freundlich. Oft genug haben wir das betont, aber es macht den größten Unterschied für Touristen aus. Auf der anderen Seite flammen immer wieder Bürgerkriege auf, auch jetzt noch. Das geht bei den Straßenverbindungen weiter. Die meisten Straßen sind schmal, schlecht und es dauert ewig von A nach B zu kommen. Die Straße zwischen Yangon und Mandalay ist dafür so breit und grade wie die A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt. Hat aber so viel Verkehr dass man nur etwa alle 10 Minuten ein Auto sieht. In manchen Orten gibt es nur ein Hotel, dass Ausländer beherbergen darf (und wahrscheinlich dem Bürgermeister gehört), in anderen Orten fahren jeden Tag hunderte Tourbusse rum.



Was man überall merkt ist, dass das Land in einem riesigen Umbruch ist. Zum einen ist das der Umbruch von Diktatur zu Demokratie. Dieser geschieht von oben, das Militär managt eine Machtübergabe an ein wirklich demokratisch gewähltes Parlament. Lange konnten es viele Leute nicht glauben, aber es setzt sich die Erkenntnis durch, dass es keinen Weg zurück in die Diktatur geben wird. Friedensnobelpreisträgerin Aung Sun Soo Kyi ist jetzt im Parlament, das Internet wird nicht gefiltert, es gibt freie und internationale Presse. Und nicht zu vergessen: politische Aktivisten machen Touren durch die Hauptstadt, in der sie von Gräueltaten der Regierung erzählen. Dieser Gedanke hat uns die ganze Zeit begleitet und ich finde es weiterhin beeindruckend. Nicht viele Absolutherrscher haben je die Macht freiwillig abgegeben.

Der andere Umbruch ist ein Wirtschaftlicher. Seit die Sanktionen des Westens aufgehoben sind, gibt es Geldautomaten, Investoren und einen Bauboom. Leider ist dieser Umbruch nicht ganz so uneingeschränkt positiv. Viel Entwicklung läuft nur über Kontakte, Korruption grassiert, und die große Mehrheit hat (noch) wenig davon. Bisher gab es wenig ökonomische Ungleichheit - Ausdruck einer Gesellschaft, die insgesamt wenig hierarchisch ist., ganz anders zum Beispiel als Indien. Daher wirkt die Armut, die durchaus sichtbar ist, fast nie elend. Viele leben von Landwirtschaft und auf Dörfern. Das ist zwar arm, und Ereignisse wie zum Beispiel der Zyklon von 2008 können viel Schaden anrichten, aber durch funktionierende Dorfstrukturen scheinen viele nicht unglücklich.

Das war jetzt viel Politik, aber in Myanmar ist die halt allgegenwärtig. Ob man die Büros der erst seit kurzem erlaubten National League for Democracy sieht, die Flagge der Shan statt der Nationalflagge weht, man beim Wandern an einer unfertigen Pipeline nach China vorbei kommt, oder wenn die Einheimischen ganz begeistert sind, das letzte Woche der deutsche Bundespräsident im Land war. Irgendwie hat man das Gefühl, ein wenig dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird (nachdem ich schon an den Mauerfall nicht mehr erinnern kann...) An der Stelle muss ich übrigens mal einen Buchtipp loswerden: Das Buch "Where China meets India" von Thant Myint-U haben wir beide verschlungen, und es hat uns so dabei geholfen, dieses komplizierte Land zu verstehen. (Papa, das ist was für dich!)

Aber zurück zu uns. Wir haben in Myanmar vor allem die Gebiete genossen, die noch nicht so bekannt sind. Höhepunkte waren der Abend am Golden Rock, Übernachtungen imn Dörfern wahrend des Treks im Nord-Osten und die beste Tagestour aller Zeiten in Hpa-An. Da es von diesen Gebieten in Myanmar noch so viele gibt - fast 1000km Küste direkt neben Krabi und Phuket sind noch unerschlossen, dazu jede Menge Berge zum Wandern - sind wir zuversichtlich, dass wir eines Tages zurück kommen werden.




Aber erstmal genieße ich die Woche Reisepause mit Tauchen, Beachvolleyball und Ausruhen am Strand von Koh TAO. Und dann geht es über Hong Kong weiter nach Kunming, wir wollen uns daran versuchen, ein wenig chinesisch zu lernen...















Dienstag, 18. Februar 2014

Ausflug in die Welt der Tourbusse

Wir hatten uns ja gleich am Anfang in Myanmar verliebt. Die Offenheit und Freundlichkeit der Leute hat fast an jedem Tag für besondere Erlebnisse gesorgt und dafür, dass wir das Gefühl hatten, wirklich Land und Leute kennen zu lernen.

Trotzdem: Myanmar ist ein Entwicklungsland. Das heißt Restaurants mit Plumsklos, Plastikhockern und fragwürdiger Hygiene, Busse die mehr schaukeln als fahren und Internet nur mit viel Glück. Nach einer Weile wird das anstrengend und deswegen haben wir uns darauf gefreut, dass die nächsten beiden Stationen - Inle-See und Bagan - mittlerweile zu den großen bekannten internationalen Touristenzielen gehören. Ein paar Tage in der Zivilisation klangen vielversprechend.

Leider war der Unterschied in Sachen Zivilisation gar nicht so groß. Das Essen ist in den Tourbus-fähigen Restaurants nicht unbedingt hygienischer und ganz sicher nicht besser. Die Kellner könnee zwar besser englisch tragen dafür die Nase aber auch höher. Und vor allem haben wir aber die volle Ladung der Touristenärgernisse abbekommen.

In Inle ist DER Programmpunkt eine Bootsfahrt über den See mit Stopps bei den verschiedenen "Attraktionen", die sogenannten WorkSHOPs. Bei uns waren die Stopps: Silber-Shop, Weberei-Shop, Eisenschmied-Shop, Zigarren-Shop, Holzwaren-Shop. Einzig ein Halt an einem Markt (Hälfte echt, Hälfte Souvenir-Shops) und die Vorbeifahrt an den schwimmenden Gärten waren interessant. Stopps bei den Longneck-Frauen (Menschen-Zoo...) und im Papierschirm-Shop konnten wir abwenden.

Am Ende der tollen Boots-Tour waren wir so bedient, dass wir selber die Scheuklappen aufgesetzt hatten. Als ein paar Kinder aufgeregt zu unserem Boot gerudert kamen und uns Blumen reichen wollten, haben wir sie nicht genommen - die wollten ja bestimmt Geld dafür. Kurz daraus fuhren wir an anderen Kindern vorbei, die genauso aufgeregt winkten und uns Blumen im Vorbeifahren in das Boot warfen. Wir hatten also eine ehrliche gastfreundliche Geste mit einer unfreundlichen Abwehrhaltung quittiert. Das tat uns sehr leid und wir ärgerten uns darüber, dass uns die Bootsfahrt so abgestumpft hatte.

In Bagan waren alle größeren Tempel von Souvenirshops umringt, durch die man sich erstmal durchkämpfen musste. Vor allem aber war die Tatsache schade, dass jeder Einheimische in uns einen wandelnden Geldbeutel sah und wir in ihnen nervige Nepper.

Trotz allem gab es auch in Inle und Bagan Momente, in denen man Myanmar einfach mögen muss. In Inle haben wir an einem Abend bei einem Kloster nach dem Weg gefragt, und einer der Mönche hat sich direkt eine Viertelstunde mit uns unterhalten. Am nächsten Abend liefen wir zufällig in das Finale des Dorf-Fußballturniers mit mehreren Hundert Zuschauern. Als wir danach daneben noch kurz bei einem Fuß-Volley-Spiel (Ist hier Volkssport) stehen blieben, haben wir direkt wieder Leute kennen gelernt, die zwar wenig englisch sprachen, uns aber zum Zuschauen erstmal Stühle besorgten und Kuchen anboten.
Sie freuten sich einfach über unser Interesse. In Bagan waren die einfach tollen Sonnenauf- und -Untergänge mit Blick über die tausenden Pagoden beeindruckend und mystisch.

Inle und Bagan bestehen also eigentlich aus zwei parallelen Welten. Das eigentliche Myanmar, das zwar manchmal anstrengend aber immer liebenswert ist, und die Welt der Reisebusse, Tourishops und Resorts. In der einen Welt sind Ausländer und Einheimische aneinander interessiert, die Kommunikation ist schwierig, aber mit Händen und Füßen immer ehrlich und lustig. In der anderen Welt sind die Touristen misstrauisch und die Einheimischen kreativ im Geld machen. Vorwerfen kann man das wohl niemandem, aber uns gefällt die erste Welt besser.

PS: Fotos aus Bagan haben wir noch nicht sortiert und hochgeladen. Aber vielleicht passt das bei diesem Post auch eh besser...

Sonntag, 16. Februar 2014

Das unverfälschte Asien und die Republik der Union von Myanmar

Ich weiß, wir haben es bereits mehrfach gesagt. Aber nochmal...Die Menschen in Myanmar sind freundlich.

Nach dem goldenen Felsen reisten wir weiter Richtung Südosten nach Mawlamyine und Hpa-An. Hier ließen die Leute ihre Arbeit liegen um uns zu grüßen, sie winkten aus Autos, und von Fahrrädern, sie kamen sogar aus den Häusern gelaufen um uns ein "Mingalaba!" (Hallo) entgegen zu schmettern. Überwältigt von so viel Gastfreundschaft grüßten und lächelten wir mit den Menschen um die Wette.

Auch unter uns Touristen war die Stimmung ausgesprochen gut. Wir grüßten uns und kannten sogar fast alle Touristen in Mawlamyine und Hpa-An mit Namen, so wenige waren es. Selbst die wenigen Touristenattraktionen in den Orten, die Pagoden, die Bootsfahrt und eine wunderschöne Tagestour zu Höhlen und Quellen waren alles andere als überlaufen.






Wer das ursprüngliche Asien sucht wird im Südosten von Myanmar fündig. Reisfelder, Karstberge, Flüsse, Höhlen und vor allem traditionelle Menschen, die in Touristen noch keine wandelnde Geldbeutel sehen, machen diesen Fleck Erde so erlebenswert. Wir jedenfalls sind verzückt.







Trotz unserer Begeisterung für den Süden, wollten wir uns auch den Norden nicht entgehen lassen. Und so saßen wir 13h in einem Nachtbus, warteten dann nochmal 5h an einem Busbahnhof und fuhren weitere 5h mit einem Bus bis nach Hsipaw, einem Shan-Ort in den Bergen im Norden von Myanmar. Nach einer guten Mütze Schlaf waren wir dann auch wieder fit, um unsere Gastgeber mit einem gutgelaunten "Mingalaba" zu beglücken. Irgendwie hatten wir aber das Gefühl, dass das bei den Leuten im Dorf nicht so gut ankam. Kaum jemand grüßte zurück. Und so hatten wir die Hsipawaner im Verdacht etwas unfreundlicher zu sein.

Etwas irritiert fanden wir den Weg zum "Shan-Palast", einer in den 20er Jahren im englischen Stil erbauten Villa. Dort begrüßte uns die Frau des Neffens des letzten Shan-Prinzens. Sie erzählte uns von ihrer Familiengeschichte und davon, dass der Onkel ihres Manns mit großer Wahrscheinlichkeit von der Militärjunta getötet wurde als er zusammen mit anderen Anführern der Shan - alle Abgeordnete im Parlament in den 60ern -  auf dem Weg zum Parlament entführt wurde. Zu diesem Zeitpunkt wollten die Shan-Stämme mehr Freiheit für ihre Minderheit im Parlament durchsetzen, wie es ihnen versprochen worden war, um sie zum Beitritt zu Burma zu bewegen. Die Shan-Gebiete waren nämlich weder unter den Briten noch jemals zuvor Teil eines burmesischen Reiches gewesen. Nachdem der Prinz verschwunden war, floh seine österreichische Frau mit ihren Kindern in die USA, wo sie heute noch leben.


Wir waren wiedermal sehr beeindruckt wie offen unsere Gastgeberin Kritik an der Militärjunta übte. Über die heutige Regierung äußerte sie sich jedoch wohlwollend, ob aus Überzeugung oder Kalkül ist schwer zu sagen. Ihr Mann, von dem im 2011er-Lonely Planet noch steht, dass man ihn nicht in seiner Villa aufsuchen solle da er auf Grund seiner Villarundgänge für Ausländer eingesperrt wurde, war jedenfalls nicht zu Hause sondern in einem anderen Dorf. Was sie aber sehr deutlich forderte, war ein Föderalstaat wie ihn Deutschland habe und in dem die einzelnen Staaten mehr Eigenverwaltung haben.

Trotz dieses sehr interessanten Einführung in die Shan-Politik, machte es bei uns noch immer nicht Klick. Erst als wir am nächsten Tag zu einer dreitätigen Trekkingtour in die Berge aufbrachen und uns mit Soman, unserem Wanderführer, unterhielten wurde uns einiges klar. Soman kommt aus einem Gebiet noch etwas weiter nördlich von Hsipaw. Dort bekämpfen sich noch immer burmesische und Shan-Armeen mit Schusswaffen, Landminen und Sprengfallen. Soman war eigentlich Wanderführer in seiner Heimat, wo er aber im Moment auf Grund der Gefechte weder leben noch arbeiten kann. Er ist also alles andere als gut auf seine Regierung zu sprechen und erklärte uns, dass nicht der Präsident sondern das Militär - die burmesische und die Shan-Armee - das Land regierten.

Soman brachte uns bei wie man Hallo sagt auf Shan und Palau, einer weiteren ethnischen Minderheit in den Bergen. In den Dörfern die wir besuchten, wurden unsere Versuche die Dorfbewohner auf ihrer Sprache zu begrüßen dann endlich auch jedesmal mit viel Heiterkeit quittiert. Die Unfreundlichkeit die wir den Shan anfänglich unterstellt hatten, erwies sich also als Reaktion auf unserere Unwissenheit und unseren vermeidlichen Affront einer burmesische Begrüßung.

Auf unserer Wanderung kamen wir an etlichen kleinen Bergdörfern vorbei. Hier schien wirklich die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Menschen leben von Anbau von Tee, Reis und Mais. Für letzteren wird immer mehr Urwald brandgerodet was die Gefahr der Erosion birgt. Wir sahen Kinder Brennholz schleppen, alte Frauen Tee nach Qualität sortieren, Männer und Frauen Tee pflücken und in kleinen Gärten für die Selbstversorgung ackern. Auf den meisten Wegen konnten keine Autos fahren, das Transportmittel der Wahl ist das Motorrad. Mit Motorrädern kann man übeigens alles transportieren: Bis zu 5 Leute, einen fahrbaren Mini-Supermarktt, 5m lange Hozbalken, und sogar ein anderes Motorrad. Wo der Weg auch das nicht zuließ schleppten die Menschen die Güter mit Jochen oder falls möglich mit Mulis.





Leider war die Sprachbarriere zwischen uns und den Dorfbewohnern fast unüberwindbar, denn Soman übersetzte nur selten für uns. Bei unseren beiden Übernachtungen in Palau-Dörfern und unseren Mittagessen bei Shanfamilien bekamen wir aber dennoch viel mit. Im ersten, etwas wohlhabenderen Dorf, schaute die Großfamilie abends zusammen fern. Eine Thai-Produktion die durch EINE weibliche und EINE männliche Stimme ins Shan "synchronisiert" wurde. Von 2 bis 72 Jahren lagen alle sechs Familienmitglieder zusammen mit einigen Decken auf Bastmatten auf dem Boden und sahen fern. Die Oma sortierte dabei ihren Kautabak und der Vater zündete sich eine Wasserpfeiffe (mit Tabak?) an. Aus Sympathie schauten wir mit und lachten mehr mit der Familie als über den Film. Die Oma drückte mich am nächsten Tag nochmal herzlich und wollte ein Foto mit mir machen.





Die zweite Übernachtung war in einem etwas abgeschiedeneren Dorf. Dort gab es kein fließendes Wasser und die Kinder und die Hütten sahen etwas schmuddeliger aus als in den anderen Dörfern. Das Haus in dem wir übernachteten hatte nicht nur jede Menge Mulis sondern war auch den einzigen Fernseher im Dorf. Nach dem Abendessen kamen immer mehr Kinder und Erwachsene herein und versammelten sich um den Fernseher. Es wurde geschaut was der Hausherr auswählte: Rush Hour, ohne Übersetzung. Um Punkt acht verließen alle ohne großen Aufhebens das Haus. Eine andere Welt.



Nachdem wir von dem Wunsch der Shan nach mehr Unabhängigkeit gehört hatten, fiel uns auch wieder ein etwas merkwürdiges Schild in Hpa-An, im Südosten Myanmars ein. Auf einem 5x10m großen roten Schild stand mit weißer Schrift auf burmesisch und auf Englisch: Der wahre Patriotismus ist der Nationale Patriotismus  nicht der des Bundeslands. Zwei weitere Sätze mit ähnlichem Inhalt folgten. Das fanden wir damals schon ziemlich seltsam und erschien uns eine Mahnung vor separatischen Bewegungen zu sein. Soman erklärte uns, dass es auch in den Mon-Staaten Aufstände gegeben hatte, diese aber nun nicht mehr kämpfen würden.

Wir sind gespannt wie sich diese Spannungen in einer jungen und instabilen "Demokratie" auswirken werden.

Barbara

Mittwoch, 5. Februar 2014

Pilgerfahrt zum Golden Rock

Die Burmesen sind nett

Thorben und ich haben ein Talent die super Luxusbusse NICHT zu bekommen. Es gibt sie zwar, in Indien wie auch in Myanmar, und wir sehen sie nicht nur auf den Fotos der Argentur in der wir die Bustickets kaufen sondern und an den Busbahnhöfen. Unsere Tickets sind aber leider doch nicht für die neuen Busse.

Unsere Fahrt von Rangoon zum Golden Rock bestritten wir also wieder in einem Uraltbus. Obwohl die Qualität des Busses die gleiche war wie in Indien war die Fahrt um einiges entspannter. Das liegt an den Burmesen. Sie gehen sehr nett miteinander um und scherzen oft. Auch die Tatsache, dass genauso viele Frauen wie Männer im Bus saßen half. Wie schon so oft waren wir die einzigen Ausländer im Bus. Die Burmesen gucken einen aber ehr schüchtern an und gucken schnell weg, wenn sie merken, dass wir ihre Blicke bemerken. Das ist um einiges angenehmer als angestarrt zu werden.

Die Busfahrt war, bis auf Thorbens sehr eingeschränkte Beinfreiheit, angenehm. Die Straße war frisch geteert und es gab nicht viel Verkehr. Trotz diesen guten Voraussetzungen wurde es vielen Burmesen schlecht. So auch einer Frau hinter mir. Nicht ganz uneigennützig gab ich ihr eine meiner Reisetabletten. Sie freute sich so sehr darüber, dass sie mir erst einen Apfel schenkte und dann alles was der Busfahrer sagte übersetzte: in Zeichensprache, denn leider konnte sie kein einziges Wort Englisch. Als wir einen kurzen Stopp einlegten, zeigte sie mir erst die Toilette, wartete auf mich und nahm mich dann an die Hand um mich zu Thorben zu bringen. Dann setzte sie sich zu uns und bestellte Essen. Sie war etwas enttäuscht, weil ich nichts essen wollte. Mein Magen ist zwar schon abgehärtet, aber ich glaube dieses Restaurant hätte er mir nicht verziehen. Wir unterhielten uns ohne ein Wort zu verstehen. Schliesslich bezahlte sie Thorbens Getränk und schenkte mir ein Foto von sich. Sie wollte uns einfach etwas Gutes tun, worüber ich mich sehr gefreut habe. Als wir wieder im Bus sassen, fragte sie mich nach einem Foto. Als ich nach dem Aussteigen ein Passfoto aus dem Rucksack holte und ihr gab, freute sie sich sehr und winkte uns aus dem Bus nach.
Barbara Bus-Freundin

Bisher haben wir nur freundliche und hilfsbereite Menschen in Myanmar kennengelernt. Egal wen wir ansprechen, jeder versucht uns weiter zu helfen. Und was uns sehr gefällt: die Burmesen sind nicht nur zu uns, den Exoten, freundlich, sondern auch untereinander. Sie unterscheiden, nach unserem Eindruck, in ihrer Freundlichkeit nicht nach Männern und Frauen und nicht nach sozialem Stand. Zum Beispiel wurde im Hotel unser Taxifahrer genauso freundlich begrüßt und verabschiedet wie wir - in Indien undenkbar. Sie spenden häufig, auch wenn sie selber nicht viel haben.

Golden Rock

Der Golden Rock ist ein burmesischer Pilgerort. Ein Haar Buddahs liegt unter einem teils golden angemalten, teils vergoldeten riesigen Felsbrocken und verhindert, dass dieser runter fällt. Auf dem Fels ist eine Pagode. Es heisst, dass jeder Burmese einmal im Leben hierher kommt.


Im katholischen Sinne ist es hier vielleicht nicht sehr andächtig. Wie die Inder verbinden die Burmesen das Spirituelle mit einem Rummel. Dank der geographischen Nähe zu China, kommt auch noch etwas Kitsch dazu. So kann man am goldenen Felsen nicht nur beten, meditieren, singen und Kerzen anzünden sondern eben auch allerlei Souveniere kaufen und essen. Um den Fels herum sind neongrüne und pinke Laternen und auch sonst sorgen bunten Lichter für Diskofeeling.

Um sechs Uhr Abends nimmt der letzte Bus fast alle Ausländer mit ins Tal. Die wenigen die ein Hotelzimmer am Berg bekommen haben bzw. den heftigen Preis dafür bezahlen möchten, ziehen sich nach Sonnenuntergang in die wenigen auf Ausländer ausgerichteten Hotels zurück. Die Burmesen aber beten weiter. Viele von ihnen übernachten direkt vor dem Fels auf Matten und unter improvisierten Zelten, entweder weil es keine Unterkünfte mehr gibt oder weil sie sie sich nicht leisten koennen.

Uns gefällt es hier sehr. Wir genießen die entspannte Atmosphäre. Dazu kommt noch eine tolle Terrasse mit Weitblick, ein Essen mit vielen verschiedenen Schälchen deren Inhalt uns von einer Familie die mit dem selben Bus gefahren war erklärt wurde und- nicht zuletzt - der sehr freundliche Manager des Guesthouses, mit dem wir noch eine Weile zusammen sitzen. Vor allem aber: Die Hingabe mit der die Burmesen niederknien und sich verneigen lässt auch uns die besondere spirituelle Bedeutung dieses Ortes spüren.

Der Fels wird mit Blattgold beklebt


Sonntag, 2. Februar 2014

Die zwei Gesichter von Yangon

Nachdem wir uns in Bangkok "zurück in die Zukunft" katalputiert fühlten, ging es wieder in ein Land aus der Vergangenheit: Burma/Myanmar. Nach jahrelanger politischer und wirtschaftlicher Isolation erwarteten wir ein Land ohne Internet, ohne Coca Cola, ohne kritische Fernsehsender. Ein armes Land ohne funktionierende Infrastruktur.

Umso erstaunter waren über unsere ersten Erfahrungen. Der Flughafen modern, im Hotel in Yangon gab es WLAN, im Fernsehen lief auf Kanal 1 BBC. Auch die Straßen sind gar nicht so schlecht und neben kleinen Hütten gibt es durchaus viele moderne Gebäude. Dass das Land der Moderne noch hinterher läuft merkt man vor allem an kleinen Dingen. Neben vielen Leuten mit gigantischen Samsung-Handys sieht man immer noch Straßenstände mit Festnetztelefonen, die für uns praktisch sind, da man als Ausländer keine SIM-Karten kaufen kann. Fahrradrikschas gehören neben SUVs (von NGO-Mitarbeitern?) zum Straßenbild und man sieht mehr Longhis - lange Röcke von Männern und Frauen getragen - als Jeans.

Das Sightseeing Highlight in Yangon ist ganz klar die beeindruckende Shwedagon-Pagode, der bestimmt goldenste Ort der Welt, mit einer tollen Stimmung - entspannt, andächtig und trotzdem fast ausgelassen fröhlich. Für uns etwas befremdlich sind die Stände an denen man Fotos von sich vor der Pagode kaufen kann, die vielen Spendentrommeln und die ca. 9 ATMs auf dem Pagodengelände, siehe Foto. Wie vermutlich in jeder Pagode in Myanmar stehen um die kegelförmige Stupa acht Buddahs, für jeden Wochentag einer und für Mittwoch (nicht Sonntag:) gibt es zwei. Die buddistischen Pilger beten vor der Statue mit dem Wochentag an dem sie geboren wurden und gießen Wasser über die Statue.

Betende vor einer Buddahfigur eines bestimmten Wochentags

ATMs in einem Gebäude in der Pagode

Mönch der eine Gruppe junger Burmesen vor der Stupa fotografiert

Insgesamt sind Burmesen wahnsinnig freundlich. Es wird soviel gelächelt, gegrüßt und einfach nett miteinander umgegangen, wie wir es bisher selten erlebt haben (dazu kommt noch ein einzelner Post). In starken Kontrast zu dieser Freundlichkeit stehen die Verfolgung von Minderheiten an den Grenzgebieten des Landes und der grausame Umgang mit politischen Aktivisten durch die Militaerdiktatur.

Von einem Spiegelartikel, den wir einen Tag vor dem Flug nach Myanmar gelesen hatten, inspiriert, kontaktierten wir Shell, einen ehemaligen politischen Gefangenen. Shell verbrachte seit seinem 17. Lebensjahr die meiste Zeit seines Lebens als politischer Häftling in verschiedenen Gefängnissen. 1988 hat er auf Grund von Hunger und Armut bei Studentenprotesten gegen die Militärdiktatur demonstriert und wurde verhaftet, misshandelt und jahrelang weggesperrt. Trotz mehrerer weiterer Inhaftierungen hat er während der gescheiterten Saffran-Revolution von 2007 gefilmt und Aufnahmen an einen Exil-Fernsehsender weiter gegeben. Er wurde wieder verhaftet und erst bei der letzten großen Amnestie 2012 endgültig (?) freigelassen.

Shell ist ein sehr freundlicher Mann. Was uns wirklich beeindruckt hat, ist, dass er keineswegs verbittert aussieht oder erzählt. Natürlich ist er keine Frohnatur, das ist nach allem was er durchgemacht hat unmöglich. Er wirkte anfangs etwas nervös, weil seine Frau, die normalerweise für ihn übersetzt, nicht da war und er nur rudimentär Englisch spricht. Zwar konnten wir mit Hilfe von Körpereinsatz und mit vereinten Kräften verstehen was Shell uns erzählen wollte, unsere Fragen verstand er anfangs jedoch nicht. Nach und nach wussten wir aber welche Worte er verstand und so wurde unsere Kommunikation besser. Nachdem wir kurz mit seiner Frau telefoniert hatten zeigte uns Shell einige wichtige Stätten seines politischen Lebens. Wir ließen ihn mehr von sich aus erzählen und fragten nur ab und zu nach. Nach einiger Zeit fasste Shell Vertrauen und wurde entspannter. Er erzählte uns nicht nur von politischen Ereignissen sondern auch persönliche Erfahrungen.

Was uns wohl am meisten berührt hat war der Inya Lake. Der idyllische See liegt neben einer Universität, hat eine gepflegte Uferpromenade mit Bänken auf denen junge Pärchen verliebt den Tag genießen und mit netten kleinen Restaurants auf denen die Studenten auf Plastikstühlen sitzen und erzählen. Der See hatte eine friedliche Atmosphäre und wir dachten, Shell hätte uns hierher gebracht um am kühlen See der Mittagshitze zu entkommen um danach weiter zu fahren.
Mit Shell am Inya Lake


Wir fühlten uns also entspannt und genossen den Spaziergang bis uns Shell von seinen Assoziationen mit diesem See erzählte: 1988 starteten hier an der Universität die Protestmärsche. Als das Militär anfing die Proteste niederzuschlagen, setzten Soldaten die Studenten an diesem See fest. Sie pferchten die Studenten in zu kleine Wagen wo viele erstickten oder zerquetscht wurden. Andere liefen blind in den See - genau an der Stelle wo wir jetzt standen - um den Soldaten zu entkommen. Diese liefen hinterher und ertränkten die wehrlosen Demonstranten. Insgesamt hätten 1000 Studenten hier ihr Leben verloren. Jahrelang durfte man nicht über diese grausamen Morde sprechen. Shell kam oft am Jahrestag der Proteste an diesen See, um seiner toten Freunde zu gedenken. Er setzte sich in ein Café am Ufer, und wenn keiner guckte warf er eine Flasche, in der Blumen waren, in das Wasser, wo sie dann schwamm und von den Polizisten nicht so einfach weggeschafft werden konnte. Heute lässt das Regime die Gedenken auch offen zu - eines der stärksten Zeichen des Veränderung.
Heute einer der schönsten Stellen in der Stadt

Shell zeigte uns auch andere Sehenswürdigkeiten wie den liegenden Buddha. In dem angrenzenden Kloster leben einige der Mönche die sich in der Saffran-Revolution engagiert haben. Selbst die wunderschöne Shwedagon Pagode war mehr als einmal Austragungsort von politischen Protesten und Verhaftungen. Scheinbar jeder Ort in Yangon hat zwei Gesichter.

Wir wollten von Shell auch wissen wie gefährlich es für ihn sei über seine Vergangenheit und seine politische Gesinnung zu sprechen. Er meinte, das dies seit 2012 ginge und das er sowieso keine Angst mehr habe [nachdem was er schon alles überlebt hat]. Er muss wohl gemerkt haben, dass wir nicht ganz von der politischen Meinungsfreiheit überzeugt waren und wie als Antwort darauf brachte er uns zu dem Hauptsitz der Oppositionspartei, der NLD. Zu unserer Überraschung war dieses deutlich gekennzeichnet an einer Hauptstraße gelegen und hatte einen Souvenir-Shop. Wir konnten aussteigen und auch er stieg mit uns aus. Er wurde von allen Seiten begrüßt. Die politischen Gefangenen halten zusammen und viele engagieren sich nun für die NLD. Da Shell nicht sehr gut Englisch spricht, stellte er uns einen Freund vor von "der neuen Generation" wie er lachend sagt, denn er und die anderen 1988er seien ja inzwischen die Alten.

Das Haus von Aung San Suu Kyi mit Werbung für ihre Partei, die NLD


Nay Chi ist im Forscherteam der NLD. Er und seine 36 Teamkollegen, die im ganzen Land verstreut arbeiten und sich einmal im Monat treffen, recherchieren zu Gesetzesentwürfen und anderen Aktivitäten der Regierung und beraten die eigene Partei wie sie sich dazu positionieren soll. Als Barbara ihm sagte, dass sie Ökonomin sei und in Deutschland auch Politikberatung mache, war er ganz begeistert und wollte direkt, dass sie einen Vortrag an dem monatlichen Treffen gebe. Ehrlich gesagt hätte sie das auch nur zu gerne gemacht. Aber es stellte sich heraus, dass es auf Grund unseres kurzen Aufenthalts in Myanmar nicht klappt. Aber vielleicht schickt sie die Bundesbank ja nochmal hierher :)

Wir haben auf unseren Busfahrten bereits viele lokale Büros von der NLD und Plakate an Häusern gesehen, nicht nur in den Städten sondern auch in ländlicheren Gegenden. Die Menschen hier scheinen wirklich weniger Angst zu haben, ihre politische Gesinnung zu zeigen.

Am Abend tranken wir noch Tee mit Shell und seiner Frau, die Übersetzerin ist, in einem Teehaus in dem die beiden oft mit anderen Exgefangenen sitzen. Da die Sprachbarriere durch Shells Frau nun geringer war, fragte Thorben Shell wie er die Zukunft in seinem Land sieht und was er von dem Regimewechsel hält. Er schien nicht zufrieden. Zwar sei eine Öffnung da, aber jetzt konzentriere das Regime seine Kräfte darauf, die besten Stücke Land an sich zu reißen, und am Umbruch zu verdienen. Denjenigen, die immer auf der Seite der Guten standen geht es nach wie vor nicht gut. Außerdem war er von der Nachhaltigkeit des Wandels noch nicht überzeugt - erst die Wahlen in 2015 würden wirklich die Karten auf den Tisch legen.

Letztlich wollte Barbara noch von Shell wissen wie er all die Folter und Grausamkeit im Gefängnis ertragen hat ohne verrückt und verbittert zu werden. Er erklärte, dass er dazu keine Zeit gehabt habe. Er habe zwei Stunden am Tag meditiert, denn er ist von Herzen Buddist, er sei in der Zelle umhergegangen und habe alleine oder mit anderen Häftlingen Pläne gemacht wie man auf die Missstände in der Haft aufmerksam machen könnte und wie man rauskommen könnte.

Ein Faktor, der Shell half waren ausländische Organisationen die sich für die Häftlinge einsetzten. Ihre Anwesenheit in den Gefängnissen hat nicht nur die Haftbedingungen der politischen Gefangenen verbessert sondern ihnen auch Mut gemacht weil es ihnen zeigte, dass sie nicht vergessen werden. Shell erzählte uns von einem Mann vom Roten Kreuz, der mit ihm auf Burmesisch gesprochen hatte und der Post von seiner Familie mitgebracht und dafür gesorgt hatte, dass er Bücher und Schreibzeug bekam. Noch heute ist er diesem Mann dankbar.

Wir glauben, der größte Faktor war jedoch der Zusammenhalt zwischen den politischen Gefangenen. Der hat auch jetzt, nachdem viele frei sind nicht nachgelassen. Shell ist in einem Netzwerk aktiv, an das auch die Bezahlung für unsere Stadtführung geht. In diesem Netzwerk kämpfen sie für die Freilassung der letzten 30 der ehemals über 2000 politischen Gefangenen und helfen denen die aus der Haft kommen mit Mikrokrediten, sich eine Existenz aufzubauen. Darum unser Apell: Macht eine Stadtrundfahrt oder auch nur die Fahrt vom Flughafen in Yangon mit Golden Harp Taxi Network. Das Geld geht an einen guten Zweck, und neben dem Geld hilft jeder Kontakt zu Ausländern der Opposition im Land.

Uns ließ der Tag beeindruckt zurück. Ein solcher Mut und Wille, sich gegen Ungerechtigkeiten einzusetzen bewundern wir beide sehr. Und zwar obwohl oder grade weil uns Shell gezeigt hat, dass selbst nach einer Änderung in der Politik wohl doch diejenigen oben bleiben, die sich am besten mit den jeweiligen Verhältnissen arrangieren.

Das Land sehen wir jetzt mit anderen - offeneren - Augen. Wir sind gespannt neben den freundlichen Menschen und den Sehenswürdigkeiten in den nächsten 2,5 Wochen auch die ermutigenden Zeichen des Wandels zu sehen und die Schatten der Vergangenheit.

Thorben und Barbara